Zehn Tage, die die Welt erzittern ließen


Im Rußland des Jahres 1917, in den Monaten Oktober und November, hatte das Feuer der Revolution alles um sich herum ergriffen, so daß diese Zeit auch heute noch ihre Spannung und Euphorie wieder erleben läßt. Einer der Zeitzeugen, der diese Tage mit all ihren Details wiedergab, war der US-amerikanische Journalist John Reed. Er schildert diese Ereignisse in seinem Buch: „Zehn Tage, die die Welt erzittern ließen“.


Der Autor John Reed wurde im Jahr 1887 in Portland, USA, geboren. Er stammt aus einer vermögenden Familie. Nachdem er sein Studium in Harvard beendet hatte, machte er eine steile Karriere als Journalist. Er verfolgte die Revolution in Mexiko im Jahre 1913 und veröffentlichte seine Erlebnisse während dieser bewegten Zeit. Im ersten Weltkrieg raste er von Front zu Front. Er galt als einer der prominentesten Kriegsberichterstatter seiner Zeit. Während der kritischen Phase der Revolution hielt er sich in Rußand auf. Diese Tage hielt er in seinen beiden Büchern „Rotes Rußland“ und „Zehn Tage, die die Welt erzittern ließen“ fest. Er starb 1920 in Rußland an Typhus. Sein Grab befindet sich am Roten Platz in der Nähe des Mausoleums von Lenin.


Er unterstreicht im Vorwort zu seinem Werk „Zehn Tage, die die Welt erzittern ließen“ folgendes: „Ausländer, insbesondere die Amerikaner, behaupten, daß die russischen Bauern ungebildet wären. Obwohl tatsächlich die russischen Bauern nicht über die Erfahrung der westlichen Arbeiter verfügen, brachten sie jedoch in vielen Organisationen, in denen sie freiwillig Mitglied waren, einiges an Erfahrung ans Tageslicht. In den russischen Konsumkooperativen waren über zwölf Millionen Mitglieder organisiert, und dies schon im Jahre 1917. Besonders die Sowjets sind die besten Beispiele der Arbeiterorganisationen und zeugen vom Organisationstalent des russischen Volkes. Viele Schriftsteller drücken ihre Antipathie gegenüber dem Sowjetregime aus, indem sie behaupten, bestimmte 'Persönlichkeiten' hätten in der Endphase der Revolution dafür gesorgt, daß die wilden Bolschewiki das Land in einen Kriegszustand gebracht hätten. Die revolutionären Organisationen haben sich jedoch Sympathien in der Bevölkerung geschaffen und auf Grund der Teilnahme des Volkes an diesen Organisationen haben die Grundbesitzer versucht, die Revolution rückgängig zu machen, indem sie die Sowjets angriffen. Um Kerensky und die Sowjets abzuschaffen, wurden Transportmittel funktionsuntüchtig gemacht und es wurde versucht, Chaos und bürgerkriegsähnliche Zustände heraufzubeschwören. Um die Fabrik und Werkstattkomitees zu vernichten, wurden die Fabriken geschlossen. Brennstoffe und Rohstoffe wurden nicht mehr geliefert. Um die Komitees innerhalb der Armee funktionsuntüchtig zu machen, wurde die Todesstrafe erneut eingeführt. Egal, was man über den Bolschewismus erzählt oder denkt, die Russische Revolution ist eines der größten Ereignisse der Menschheit, und daß die Bolschewiki entstanden, ist auch ein weltbewegendes Ereignis. Auf jeden Fall.“


Da Reed in seinem Buch viele Details dieser Tage schildert, bis hin zu den Flugblättern, die auf den Straßen verteilt wurden, und alle Hochs und Tiefs in der Periode der Aufhebung der russischen Autokratie bis zur Revolution in allen Einzelheiten erläutert werden, ist dieses Buch für jeden Sozialisten eine Pflichtlektüre. Denn mit dem Einsetzen der Oktoberrevolution legten die Sowjets den Grundstein für die gesellschaftliche Umwandlung. Die Bolschewiki bilden sogar für heute beispielhafte taktische und technische Vorgehensweisen heraus, ihre Handlungen könnten sogar heutzutage taktisch lehrreich sein.


Die Organisierung der Sowjets und ihre russischen Charakterzüge werden detailgetreu erläutert. Der Autor hierzu: „Sowjets: Ist die Bezeichnung des Staatsrates während des Zaristischen Rußlands“. Nach der Revolution sind Sowjets, Räte, bestehend aus den Delegationen, die Arbeiter, Soldaten und Bauern aus den ökonomischen Organisationen der Arbeiterklasse ausgewählt haben und die verschiedenen Parlamenten zugehören. In Rußland gab es in jeder Stadt, in jeder Provinz und in jedem Dorf regionale Sowjets, sowie in Provinzen und Teilgebieten aber auch in der Hauptstadt zentrale Sowjets. Deren führendes Organ war in der Zentrale die „Cayika“. Diese befand sich während der Revolution in der nahe Petrograd liegenden Stadt Smolni. Reed erzählt in seinem Buch Folgendes über Smolni: „Das Smolni-Institut befand sich kilometerweit außerhalb der Stadt, gelegen am Neva-Fluß. Am Ende des Tramweges konnte man das Kloster Smolni und seine blauen Türme, die mit goldenen Verzierungen leuchteten, erkennen. Das Smolni- Institut befand sich mit seiner einem Garnizon ähnlichen Front gleich neben dem Kloster. (…) Gegenüber dem großen Salon arbeitetet das Vorbereitungskomitee des Sowjetkongresses. Dort bin ich stehen geblieben und habe mir die neuen Delegationen angesehen, grobe, dicke und bärtige Soldaten, Arbeiter mit schwarzen Hemden und einige langhaarige Bauern waren die Kommenden. Das diensthabende Fräulein – aus der Gruppe um Plehanov, schaute sich diese Delegation von oben herab an. 'Das sind ganz andere Menschen, als die die am Anfang kamen', weiter fügt sie hinzu: 'welch ungebildetes grobes und dummes Volk…' Es war wahr, was sie sagte, die untersten Schichten Rußlands hatten sich bewegt. Das vom alten Cayika beauftragte Vorbereitungskomitee schickte die Delegation zurück mit der Begründung, sie sei unrechtens gewählt worden. Und Karahan aus dem Zentralkommittee der Bolschewiki sagte, „Macht Euch nichts daraus, wenn die Zeit gekommen ist, werden wir Euch gebührende Plätze zuweisen.“


Das Schicksal der Revolution lag in den Händen des Sowjetkongresses. Die Bolschewiki hatten fast in ganz Rußland die Mehrheit in den Sowjets. Deshalb war der Kongreß sehr wichtig. Trotzdem konnte der Kongreß nicht am zweiten November tagen. Lenin sagte „Der sechste ist zu früh, aber der achte wird zu spät.“ Die ersten zehn Tage des Novembers herrschte in Smolni ein Chaos sondergleichen. Klar ersichtlich war lediglich, daß die herrschenden Machtstrukturen in sich einstürzten, deshalb zögerte die provisorische Regierung nicht, mit allen Gruppen zusammenzutun, außer mit den Bolschewiki, um die Annahme der Sowjets im Kongreß zu verhindern. Smolni erlebte in diesen Tagen zwei Phasen: An den inneren und äußeren Pforten des Instituts gab es strenge Kontrollen, wer keine Berechtigungsscheine vorweisen konnte, wurde nicht hineingelassen, die Komiteesitzungen liefen rund um die Uhr. Hunderte von Soldaten und Frauen lagen auf den Fußböden, um sich ein wenig auszuruhen. Oben im großen Saal nahmen an den lauten Versammlungen des Petrograder Sowjets Tausende Menschen teil. (…) Auf der anderen Seite füllten sich die Spielhallen von abends bis morgens, Champagner floß wie Wasser, die Spiele öffneten mit Zwanzigtausend Rubel. Im Zentrum der Stadt liefen Huren mit Pelzmänteln herum und füllten die Gasthäuser. Monarchisten bereiteten Komplotte, die Deutschen spionierten, Schmuggler schmiedeten Pläne … und die Stadt, die unter dieser nassen und kalten Atmosphäre sich bewegte … aber wohin? Ohne Zweifel zu einer Revolution. John Reed fotografierte das damalige Petrograd nicht wie ein Journalist, sondern wie ein realistischer Künstler.


Am 7. November fiel die damalige provisorische Regierung. Dies bedeutete, daß die Duma den Bolschewiki den Krieg erklärte: „… für fünf Soldatenkopeken habe ich einen 'Diyen' (Bolschewistische Zeitung) gekauft. In der großformatig gedruckten Zeitung stand: Alle Macht den Arbeitern, Soldaten und Bauernsowjets! Frieden! Brot! Grund! ... und die Tage, die dem ersten November folgten, zeigten Stunde um Stunde die Entstehung einer neuen Welt … Der Kongreß produzierte einen Beschluß nach dem anderen, und schlußendlich erklärt Kamanev die Gründung einer neuen Regierung. Präsident wird Vladimir Ulyanov Lenin, Verantwortlicher für Außenangelegenheiten wird Trotzki, und Nationalitätenkommissar wird Stalin. Die Räder der Revolution begann sich zu drehen.“


Nach all diesen feuerigen Versammlungen und Ereignissen zeigte sich auch bereits die Konterrevolution. Die von Kerenski geführten Kasachen zogen in Moskau und Petrograd ein. Die Hürden endeten nicht . Zum Schluß wurde mit einem Telegramm bestätigt, daß Kerenski in der Nacht vom 30. zum 31. Oktober (also 12. und 13. November) endgültig zurückgeschlagen worden sei. Dies gab wieder Hoffnung. Kerenski zieht sich zurück, wir bewegen uns vorwärts.. Es lebe das revolutionäre, volksnahe Sozialistische Rußland. Im Auftrag des Rats: L.Trotzki. Diesem folgte der Bauernkongreß und das Abkommen von Smolni. Und diese Übereinkunft wird im Buch von Reed folgenderweise geschildert: „Es war dunkel. Pavlowskis Soldaten, und davor die Militärkapelle, liefen die Marseillaise singend entlang des Kanals. Die Bauern mischten sich unter die laut schreienden Soldaten. Öffneten die Flagge des Zentralkomitees der Baurnsowjets. Darauf stand: 'Es lebe der Revolutionäre Bund der Arbeitermassen'. So kamen die Bauern nach Smolni. Sie befanden sich im Saal des Instituts. Auf der Plattform war das Präsidum aufgestanden. Die Mitglieder umarmten die Bauern und wiesen sie auf ihre Plätze. Als der untenstehende Beschluß mit Geschlossenheit bewilligt wurde, war es schon Mitternacht: 'Die zwischen dem Sowjet von Petrograd und dem Bauernkongreß gemeinsam durchgeführte Versammlung kam zum Beschluß, daß die im zweiten Kongreß der Arbeiter- und Soldatendelegation angenommenen Grund- und Friedensbeschlüsse und die gleichzeitig von Cayika anerkannten Arbeiter-Kontrollbeschlüsse angenommen werden'.“


Hier endet zwar das Buch von John Reed, aber in den Zusätzen am Schluß des Buches sind viele Belege aufgeführt, die zahlreiche Details enthalten. John Reed hat in seinem Werk die Revolution wie ein Epos erzählt, dessen erneute Lektüre sich auf jeden Fall lohnt.

Ali San (12.12.2005)



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