Der 8. Mai 45 und die Kollektivschuldfrage


Aus der heutigen Perspektive gesehen, scheint der 8. Mai 1945 doch für viele Deutsche eine Niederlage im Zweiten Weltkrieg gewesen zu sein. Keine Befreiung. Dies ist klar, auch ohne sich auf die Lippenbekenntnisse einiger Offizieller festlegen zu wollen. Unter die Aufarbeitung des Hitlerfaschismus ist sehr wohl ein Strich gezogen worden, auch wenn der deutsche Präsident Köhler meint, es gäbe kein Schlußstrich.

Da wären wir bereits in der schon einmal aufgeflammten Diskussion über die Täter-Opfer-Diskussion; oder die Existenz oder Nichtexistenz der Kollektivschuld.


Gedächtnisschwund scheint eine der wohl am meisten verbreiteten Krankheiten unserer Zeit zu sein. Besonders dann, wenn es einem so in den Kram paßt. Die auf unvorstellbare Art und Weise ermordeten 6 Millionen europäische Juden, körperlich behinderte Menschen, Homosexuelle, Andersdenkende, Widerständler, Sinti und Roma, Heimatlose, Obdachlose, Kranke und Schwache, die in Konzentrationslager eingepfercht, mißhandelt, gefoltert und barbarisch ermordet wurden. Millionen von Zwangsarbeitern, Vertriebene, Heimatlose und alle die nicht zum arischen Volk zugehörig waren, wurden gegeneinander ausgespielt, verbraucht und vernichtet. Und dies mit einem bis ins Detail ausgeklügelten System.


  1. Dies alles gilt es aufzuarbeiten, durch noch lebende Zeitzeugen an die kommende Generation und die Jugend, die die Zukunft bedeutet, weiterzugeben. Dies muß aus dem erlebten Gedächtnis in die aktuellen Geister übertragen, und ihnen die Möglichkeit gegeben werden, dies alles sich vorzustellen und verarbeiten zu können, somit die Zeitdokumentation lebendig weiterzugeben, ins kollektive Gedächtnis umzuwandeln. Aus den geschehenen Verbrechen gilt es Lehren zu ziehen und ganz fest in die Gedächtnisse einzuprägen, „Nie wieder“ zur Parole für die Zukunft zu machen. Das muß die einzige Möglichkeit sein, ein kollektives Gedächtnis aufzubauen, das die Sicherung des „NIE WIEDER“ für die Zukunft garantieren kann.

  2. Die nihilistische Einstellung, „wie kann ich dafür, was vor 60 Jahren geschehen sein soll“, „soll ich die Verantwortung für die Verbrechen meiner Vorfahren mittragen“, „was geht mich dies an“, „ich blicke lieber Richtung Zukunft“ ist ein Irrtum in einer Welt der Verdammnis von Mensch und Natur. Überall territoriale und regionale Kriege, Hungersnöte, Elend und Krankheiten, Seuchen und Naturkatastrophen. Wie Richtung Zukunft blicken, wenn man nicht die Last der Vergangenheit ins kollektive Bewußtsein einbezieht? Wo bleibt das Lernen aus den Fehlern der Vergangenheit, wieso geschieht immer noch soviel Leid und Ungerechtigkeit auf der ganzen Welt, insbesondere in den Ländern der absichtlich unterentwickelt gelassenen Ländern dieser Erde? Muß man dies nicht in Verbindung bringen mit dem, was war, was falsch und verbrecherisch war? Denn was damals Tod, Elend, Verfolgung, und Vernichtung brachte, wird auch in der Zukunft Ähliches bringen, wenn nicht ein kollektives Bewußtsein ins Gedächtnis gerufen wird, wenn nicht Lehren aus dem Erlebten und Erzählten gezogen werden.

  3. Also nichts mit Freiheiten, „die wir uns als Deutsche erarbeitet haben“, nichts mit der vorgezeigten musterhaften Demokratie, und den humanitären Einsätzen der deutschen Bundeswehr in Kosova, Afghanistan und Ausbildung von ausländischen Streitkräften, Tausende von Meilen entfernt von der Heimat, nichts mit getürkter technischen Zusammenarbeit auf der oder jener Ebene unter dem Endziel einer besseren Ausbeutung in den Ländern der sogenannten dritten Welt mit ihren reichen Bodenschätzen und ihrem wunderbaren Potential für naive billige Arbeitskräfte. Aus der Not der Menschen als Retter hervorzutreten und sie zu unterjochen: dies ist das Endziel nicht nur deutscher, europäischer und US-amerikanischer Herrenmenschen. Egal unter welchem Vorwand , unter welcher Pseudoideologie welche Art von Humanität vorgetäuscht wird, im Endeffekt können Menschen, die aus ihrer früheren und jüngerer Geschichte nichts gelernt haben, immer wieder imstande sein, neue Verbrechen zu begehen.

Nur dann wenn man die Niederlage von Verbrechern und Verbrecherregimes nicht als die eigene Niederlage ansieht, stattdessen die Opfer derjenigen akzeptiert und respektiert und die Menschen die für die Befreiung vom Faschismus und Gewaltregiemes gekämpft haben anerkennt und dies auch als eine eigene Befreiung begreift, wenn man das Geschehene im kollektiven Bewußtsein in einer individuellen Verantwortung im eigenen Ich ehrlich aufnimmt, wird man in der Lage sein, in der Zukunft als Mitgestalter dieser, für sich und seine Mitmenschen Tod, Elend Armut, Verfolgung und massenweise Vernichtung zu verhindern. Dafür gilt es auf die nihilistische Bequemlichkeit zu verzichten, die Vergangenheit richtig zu begreifen und die Zukunft friedlich und gerecht zu gestalten.

Ali San