Marxismus ist eine Wissenschaft!

Marxistisch-leninistische Grundlagenschulung

Die folgende Grundlagenschule wurde gegen Ende des 20. Jahrhunderts von der SDAJ (Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend, im Internet zu finden unter www.sdaj-online.de) zusammengestellt. Sie besteht aus ausgewählten Texten zu den Themen Philosophie, Politische Ökonomie und Geschichte der Arbeiterbewegung. Sie sollen der gemeinsamen Diskussion über die Marxistische Weltanschauung in Gruppen und Arbeitsgemeinschaften dienen. Nachdem sie in dieser Form nicht mehr im Internet steht, die Zusammenstellung der Texte uns aber nach wie vor für einen Einstieg mehr als gut ausgesucht vorkommt, stellen wir sie so, wie sie damals war, wieder der Öffentlichkeit zur Verfügung, nicht ohne Michi und Thomas, die für die SDAJ die Auswahl nach der Konterrevolution in Osteuropa und der UdSSR besorgten, nochmals für ihre Arbeit zu danken, die wir intern seit einiger Zeit nutzen.


Inhalt:

Einleitung

I. Marxistische Philosophie:

  • Was ist Philosophie?

  • Warum entstand die Philosophie, was waren die Ursachen dafür?

  • Die Grundfrage der Philosophie, Materialismus, Idealismus

  • Was verstehen wir unter Materialismus und Idealismus?

  • Erkennbarkeit der Welt - Marxistische Erkenntnistheorie

  • Dialektik - Grundgesetze und Triebkräfte der Entwicklung

  • Bedeutung der Praxis in der marxistischen Philosophie

  • Entwicklungsgesetze der menschlichen Gesellschaft, Historischer Materialismus - Marxistische Geschichtsauffassung

  • Kurze Begriffserklärung

II. Politische Ökonomie:

  • Was ist die politische Ökonomie des Kapitalismus?

  • Wert, Geld, Preis - Das Wertgesetz

  • Die Verwandlung von Geld in Kapital

  • Wert der Ware Arbeitskraft - Kapital, Mehrwert, Ausbeutung, Akkumulation

  • Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus

  • Schlacht um den Weltmarkt - Krieg der Konzerne in der Triade

III. Geschichte der Arbeiterbewegung

  • Karl Marx

  • Friedrich Engels

  • Pariser Kommune

  • Die Lehren der Kommune (Auszug) von W.I. Lenin

  • Kurzbiographie Wladimir Ijjitsch Lenin

  • Große sozialistische Oktoberrevolution

  • Zur russischen Revolution (Auszug) von Rosa Luxemburg

  • Sechs Thesen über die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht von W.I. Lenin

  • Ökonomik und Politik in der Epoche der Diktatur des Proletariats (Auszug) von W.I. Lenin

  • Der Linke Radikalismus, die Kinderkrankheit des Kommunismus (Auszug) von W.I. Lenin

  • Der Klassencharakter des Faschismus (Auszug) von G. Dimitroff

  • Der Aufschwung der faschistischen Konterrevolution (Auszug) von A. Thalheimer



Einleitung:


Wir haben versucht, mit dieser vorliegenden Auswahl aus dem reichhaltigen und spannenden Arsenal marxistischer Literatur einen allgemeinverständlichen Einstieg in unsere weltanschaulichen Grundlagen zu präsentieren. Es ist also weder ein umfassendes Lehrbuch, noch behandelt es die Themenschwerpunkte erschöpfend. Wir wollten mit dieser Grundlagenschule ein Hilfsmittel bereitstellen, das die ideologische Arbeit der Gruppen unseres Verbandes anheizen, erleichtern und bereichern soll.

Auch wir gehen davon aus, daß sich in der heutigen Zeit alte Fragen neu stellen und neue hinzugekommen sind. Aber wer marxistische Politik, Arbeiterjugendpolitik machen will, muß wissen, was das ist, muß sich die Grundlagen aneignen. Dies geht nicht im Über- und schon gar nicht im Blindflug. Aneignung heißt Informationen aufnehmen und sich auseinandersetzen, heißt zuhören und streiten, die Erfahrungen der Klassiker mit aktuellem Widerspruch verbinden.

Wir meinen, daß die aufgeworfenen ideologischen Fragen weder verstaubt sind noch daß sie irgendwelchen angeblichen Spezialisten überlassen werden dürfen. Die SDAJ wird nicht zuletzt an der Frage gemessen werden, in wieweit es gelingt, in unseren Gliederungen interessante und spannende Bildungsarbeit zu organisieren. Dazu braucht es engagierte Genossinnen und Genossen, die dies als ihre Aufgabe verstehen, die auf ideologische Arbeit in den Gruppen drängen, Bildungsabende vorbereiten und den künstlichen Widerspruch zwischen Theorie und Praxis dort hinschmeißen, wo er hingehört- auf den Müll.

Wir wünschen allen Genossinnen und Genossen viel Konzentration und Spaß, viel streitbare Diskussion und Vergnügen mit dieser Grundlagenschule.

Michi und Thomas


Was ist Philosophie ?


Jede Wissenschaft hat die Aufgabe, einen bestimmten Bereich der Natur oder der Gesellschaft auf seine grundlegenden Eigenschaften, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten zu erforschen. Die Kenntnisse darüber dienen uns als eine Grundlage für unser praktisches Handeln. Die Erkenntnisse der Physik über die Gesetze der mechanischen Bewegung, der Thermodynamik, der Elektrodynamik, der Optik usw. gestatten uns, Werkzeugmaschinen, Motoren, Elektrogeräte, optische Geräte usw. zu konstruieren, zu bauen und praktisch anzuwenden. Allgemeiner können wir das so formulieren: Naturwissenschaften, Gesellschaftswissenschaften und technische Wissenschaften setzen uns durch die Erforschung der Gesetzmäßigkeiten von Natur und Gesellschaft in die Lage, die Naturkräfte und Naturprozesse in den Dienst der Menschen zu stellen, die Natur immer besser zu beherrschen.


Nun zurück zur Philosophie! Hat sie ebenfalls eine solche Aufgabe? Bringt sie uns den gleichen Nutzen? In welchem Verhältnis stehen Philosophie und Einzelwissenschaften? Ohne diese Fragen zu klären, können wir auch nicht bestimmen, was Philosophie ist. Das Wort "Philosophie" stammt bekanntlich aus dem Griechischen und bedeutet "Liebe zur Weisheit". Im griechischen Altertum verstand man unter Philosophie zunächst die Gesamtheit des menschlichen Wissens. Die Kenntnisse über die Natur und die Gesellschaft, über das Denken und über das Verhalten der Menschen bildeten Teilgebiete der Philosophie. Erst später sonderten sich einzelne Wissensgebiete von der Philosophie und nahmen eine selbständige Entwicklung. Diese Verselbständigung der Einzelwissenschaften setzte besonders mit der Renaissance verstärkt ein und fand erst in unserem Jahrhundert ihren Abschluß. Aber was blieb dann für die Philosophie übrig, wenn sich immer mehr Wissensgebiete von ihr trennten? Verlor sie damit nicht ihren Gegenstand und damit auch ihre Existenzberechtigung?


Ganz im Gegenteil: Erst dadurch wurde deutlich, was den Gegenstand der Philosophie bildet, mit welchen Problemen sie sich befassen muß und welche Bedeutung der Philosophie zukommt. Schon innerhalb der antiken Philosophie, die noch das gesamte Wissen umfaßte, entwickelte sich ein spezielles Gebiet, welches sich mit den allgemeinen und fundamentalen Fragen der Welt, des Menschen und des Wissens überhaupt befaßte. Der griechische Philosoph Aristoteles (384-322v.u.Z.) nannte dies die "erste Philosophie": "Es gibt eine Wissenschaft, die das Seiende, insofern es seiend ist, betrachtet und das, was diesem an sich zukommt."


Hieraus ist im Laufe der Entwicklung die Philosophie als ein besonderes Wissensgebiet hervorgegangen.


Wodurch unterscheidet sich die Philosophie von den Einzelwissenschaften?


Die Philosophie richtet ihre Untersuchung auf die allgemeinen Zusammenhänge und Eigenschaften der Welt und aller Erscheinungen, auf die allgemeine Natur des Menschen und seiner Fähigkeiten, auf das Verhältnis des Menschen zur Welt. Sie versucht im Unterschied zu den verschiedenen Wissenschaften, die sich mit bestimmten Teilbereichen der Welt befassen, die Welt als Ganzes denkend zu erfassen und so eine umfassende Weltanschauung zu entwickeln.



Warum entstand die Philosophie, was waren die Ursachen dafür?


In der Urgesellschaft gab es noch keine Philosophie und keine Wissenschaft. Die unerklärlichen Naturvorgänge wurden dem Wirken höherer Mächte (Götter, Dämonen, Geister etc.) zugeschrieben. Auch die feste Ordnung des gesellschaftlichen Lebens und das Schicksal des einzelnen Menschen wurde auf diese überirdischen Kräfte zurückgeführt. Das Denken der Menschen war noch sehr stark von mythologischen Vorstellungen beherrscht. Nach der Auflösung der Urgesellschaft und der Entstehung der Klassengesellschaft änderte sich das Leben der Menschen sehr rasch. Insbesondere in den Stadtstaaten der griechischen Sklavenhaltergesellschaft vollzogen sich einschneidende Veränderungen, welche die frühere Lebensweise und Denkweise der Menschen erschütterten. Die rasche Entwicklung der Produktivkräfte auf Grundlage des Privateigentums an Produktionsmitteln, die Entfaltung des Handwerks und des Handels, das Aufkommen des Geldes, des Wuchers und des Zinses führten dazu, daß sich scharfe Klassengegensätze herausbildeten. Es kam zu heftigen Klassenkämpfen zwischen der grundbesitzenden Sklavenhalteraristokratie und den Handwerk, Gewerbe und Handel betreibenden Schichten der Sklavenhalterklasse, in deren Verlauf das gesellschaftliche und politische Leben grundlegend verändert wurde. Die überlieferten religiösen Auffassungen, welche die Herrschaft der Aristokratie begründeten, gerieten ebenso ins Wanken wie die bisherigen Normen, Regeln und Gewohnheiten des Zusammenlebens und Verhaltens der Menschen. In der Auseinandersetzung mit der religiösen Mythologie entwickelten sich die wissenschaftliche Erkenntnis und die Philosophie, um Antworten auf die neuen Fragen zu geben, welche die Menschen damals bewegten.

Grundfrage der Philosophie, Materialismus, Idealismus

Was ist der Inhalt der Grundfrage der Philosophie?


Engels hat sie in folgenden Worten formuliert: "Die große Grundlage aller, speziell neueren Philosophie ist die nach dem Verhältnis von Denken und Sein ... je nachdem diese Frage so oder so beantwortet wurde, spalten sich die Philosophen in zwei große Lager. Diejenigen, die die Ursprünglichkeit des Geistes gegenüber der Natur behaupteten, also in letzter Instanz eine Weltschöpfung irgendeiner Art annahmen..., bildeten das Lager des Idealismus. Die andern, die die Natur als das Ursprüngliche ansahen, gehören zu den verschiedenen Schulen des Materialismus." (F.Engels: "Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie")


Doch wie ist das zu verstehen?

Das Verhältnis von Sein und Denken oder allgemeiner von Materie und Bewußtsein bildet den Inhalt der Grundfrage der Philosophie.


In der bloßen Wahrnehmung finden wir nicht zwei getrennte, voneinander unabhängige Welten, eine "Welt der Materie" und eine "Welt des Bewußtseins". Bewußtsein finden wir nur als menschliches Bewußtsein, als Produkt der Sinnes- und Hirntätigkeit und der praktischen gesellschaftlichen Tätigkeit des Menschen. Es existiert immer nur als Bestandteil des materiellen Lebensprozesses der Menschen.


Warum ist es für die Menschen wichtig, das Verhältnis zwischen Materie und Bewußtsein, zwischen realem Sein und Denken richtig zu bestimmen? Ist das vielleicht nur eine "philosophische Spinnerei", eine künstlich ausgedachte Frage? Keineswegs ! Wenn wir uns mit unserer Umwelt praktisch auseinandersetzen, im Arbeitsprozeß auf sie einwirken und sie entsprechend unseren Bedürfnissen verändern, bilden unsere materielle praktische Tätigkeit und die geistige Tätigkeit unseres Bewußtseins eine untrennbare Einheit. Sie sind eng miteinander verflochten. Wenn wir hierbei aber erfolgreich sein und die angestrebten Resultate auch wirklich erreichen wollen, müssen wir es lernen, deutlich zwischen den Gegenständen der materiellen Welt einerseits und unseren Wahrnehmungen, Vorstellungen und Gedanken über diese Welt andererseits zu unterscheiden. Und genauso müssen wir zwischen der materiellen praktischen Tätigkeit, welche die Gegenstände tatsächlich verändert, und den gedanklichen Operationen des Bewußtseins unterscheiden, die allein überhaupt nichts verändern können.

Die Menschheit hat lange Zeit gebraucht, bis sie diesen fundamentalen Unterschied zwischen materiellen und geistigen Erscheinungen verstand. Und eine noch längere Zeit war erforderlich, diese Unterscheidung auch begrifflich herauszuarbeiten und in Begriffen festzuhalten. Das setzte eine bestimmte Entwicklungsstufe der gesellschaftlichen Verhältnisse und des theoretischen Denkens voraus, weshalb diese Unterscheidung erst in der antiken griechischen Philosophie erfolgte. Seither spielt die Frage nach dem Verhältnis von Seele und Körper, von Geist und Natur, von Denken und Sein, von Bewußtsein und Materie eine bedeutende Rolle im philosophischen Denken.
Die Gegenüberstellung von Materie und Bewußtsein ist eine Abstraktion. Wir abstrahieren von der Verflechtung der Bewußtseinsprozesse mit den materiellen Prozessen der Nerventätigkeit und der praktischen Tätigkeit, ebenso von den verschiedenen konkreten Formen, Inhalten und Resultaten der Bewußtseinstätigkeit und stellen das Bewußtsein überhaupt der Materie gegenüber. Die philosophischen Kategorien "Materie" und "Bewußtsein" sind aber die weitestgehenden, umfassendsten komplementären Begriffsbildungen in der Philosophie. Ihre Gegenüberstellung führt unmittelbar zur materialistischen oder idealistischen Beantwortung der Grundfrage der Philosophie. Durch die Formulierung der Grundfrage der Philosophie ist also die höchste sinnvolle Abstraktionsstufe des philosophischen Denkens erreicht.

Weil die Grundfrage der Philosophie die höchste Frage ist, führt ihre Beantwortung unmittelbar zu einer der beiden möglichen Grundrichtungen der Philosophie: entweder zum Materialismus oder zum Idealismus.


Was verstehen wir unter Materialismus und Idealismus ?


Die materialistische Beantwortung der Grundfrage der Philosophie besagt erstens, daß die Materie dem Bewußtsein zeitlich vorausgeht.


Die Materie existiert vor dem Bewußtsein, denn sie ist ewig und unendlich. Das Bewußtsein aber entsteht erst auf einer bestimmten Entwicklungsstufe der Materie. Seine Existenz hängt von ganz bestimmten Bedingungen ab, deshalb ist es vergänglich, bedingt und endlich. Die Einsicht, daß die Materie ewig ist, daß sie weder vernichtet noch erschaffen werden kann, ist eine gesicherte philosophische Erkenntnis von grundlegender Bedeutung. Sie gründet sich auf umfassendes und unumstößliches wissenschaftliches Beweismaterial, insbesondere auf die physikalischen Erhaltungssätze, die besagen, daß weder Masse noch Energie vernichtet oder aus Nichts erschaffen werden können.

Wir wissen weiter aus der Erforschung der Geschichte unserer Erde, daß es auf ihr vor einigen Milliarden Jahren noch kein Leben gab. Folglich konnte es auch keine mit Bewußtsein begabten Lebewesen geben. Erst nach längeren Entwicklungsprozessen entstanden Formen belebter Materie. Aus deren Evolution gingen schließlich auch die ersten Menschen hervor, und mit ihnen entstand erst ein voll ausgebildetes Bewußtsein.


Die materialistische Beantwortung der Grundfrage der Philosophie besagt zweitens, daß das Bewußtsein ein Entwicklungsprodukt der Materie ist, welches auf der Grundlage besonders hoch organisierter Materie, des menschlichen Gehirns, als eine qualitativ besondere Eigenschaft der Materie entsteht.


Diese besondere Eigenschaft besteht in der Fähigkeit, die materielle Welt in ideellen Formen widerzuspiegeln, ideelle innere Modelle der äußeren Welt zu bilden, sich bewußt Ziele zu setzen und das Verhalten nach bestimmten Programmen zweckmäßig zu lenken.

Das Bewußtsein ist ein Produkt der naturgeschichtlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Diese These des dialektischen und historischen Materialismus gründet sich auf die philosophische Verarbeitung eines riesigen Tatsachenmaterials und wichtiger Erkenntnisse vieler Wissenschaften.


Die Biologie, die Physiologie, insbesondere die Richtungen der Physiologie, die die Funktion der Sinnesorgane und der Nerven erforschen, haben die Entwicklung der natürlichen Voraussetzungen des menschlichen Bewußtseins detailliert untersucht. Durch diese Forschungen besitzen wir eine relativ geschlossene Kenntnis darüber, wie die biologische Evolution bei den tierischen Vorfahren des Menschen zur Herausbildung der natürlichen Voraussetzungen des Bewußtseins geführt hat. Wir wissen, wie sich in diesem Entwicklungsprozeß die Organisation und Funktionsweise des Nervensystems und der Sinnesorgane sowie die hierauf beruhende psychische Tätigkeit herausgebildet haben. Aus diesen Vorstufen und Voraussetzungen des Bewußtseins, die es bereits bei den höchstentwickelten Tieren gibt, konnte das menschliche Bewußtsein aber erst allmählich unter dem Antrieb der beginnenden Arbeitstätigkeit der Menschen entstehen. Der Übergang von der instinktiv-biologischen Lebenstätigkeit der tierischen Vorfahren der Menschen zur kollektiven Arbeitstätigkeit, zur gemeinschaftlichen Anfertigung und Anwendung von Werkzeugen, war der entscheidende Schritt, der zur Herausbildung der Sprache und des abstrakt-begrifflichen Denkens führte. Die kollektive Arbeit verstärkte das Bedürfnis der Menschen nach Verständigung miteinander. Die hieraus hervorgehende Sprache erwies sich in Wechselwirkung mit der Arbeit als ein Faktor, der die Entwicklung des Bewußtseins, des Denkens förderte.

Friedrich Engels hat diesen Prozeß wie folgt beschrieben: "Arbeit zuerst, nach und dann mit ihr die Sprache - das sind die beiden wesentlichsten Antriebe, unter deren Einfluß das Gehirn eines Affen in das bei aller Ähnlichkeit weit größere und vollkommenere eines Menschen allmählich übergegangen ist... Die Rückwirkung des Gehirns und seiner dienstbaren Sinne, des sich mehr und mehr klärenden Bewußtseins, Abstraktions- und Schlußvermögens auf Arbeit und Sprache gab beiden immer neuen Anstoß zur Weiterbildung..." (F.Engels, "Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen").

Diese Auffassung ist in der Folgezeit durch die Anthropologie, die Neurophysiologie und die Psychologie in vollem Umfang bestätigt und auf der Grundlage der neuen Forschungsergebnisse weiter präzisiert worden.


So ist das menschliche Bewußtsein also ein Entwicklungsprodukt der Natur und der Gesellschaft. Seine materiellen Grundlagen sind sowohl die besonders hoch organisierte Materie des Gehirns und seine Tätigkeit als auch die materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse der Menschen und ihre materielle praktische Tätigkeit. Zwischen diesen beiden Seiten der materiellen Grundlage des Bewußtseins besteht eine enge Wechselwirkung. Das Gehirn als Organ des Bewußtseins ermöglicht und vermittelt die aktive Auseinandersetzung des Menschen mit seiner natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt. Und diese Umwelt bestimmt in entscheidendem Maße den Inhalt der Hirntätigkeit.

Die materialistische Beantwortung der Grundfrage der Philosophie besagt drittens, daß das Bewußtsein eine ideelle Widerspiegelung der materiellen Welt ist. Das Bewußtsein erzeugt seine Inhalte nicht aus sich selbst, sie fließen ihm auch nicht aus übernatürlichen Quellen zu, sondern es gewinnt sie aus der geistigen Aneignung und Widerspiegelung der materiellen Welt in Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen, Begriffen, Aussagen, Theorien usw. Der Inhalt des menschlichen Bewußtseins ist also eine Widerspiegelung, eine Abbildung der materiellen Welt. Diese Widerspiegelung entwickelt sich auf der Grundlage der jeweils gegebenen Entwicklungsstufe der gesellschaftlichen Praxis des Menschen, sie ist also historisch bestimmt. Dank seinem ideellen Charakter ist das Bewußtsein in der Lage, die materielle Welt widerzuspiegeln. Es kann so verallgemeinernde und abstrahierende Abbilder wesentlicher Eigenschaften und Zusammenhänge der äußeren Welt schaffen, sie speichern und mit ihnen operieren. Das Bewußtsein widerspiegelt nicht nur die Gegenstände, Prozesse, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten der objektiven Welt, sondern immer auch die gesellschaftlichen Verhältnisse, Interessen und Bedürfnisse, auf deren materieller Grundlage es entsteht und sich entwickelt.


Die materialistische Beantwortung der Grundfrage der Philosophie besagt viertens schließlich, daß das Bewußtsein den Menschen als Mittel der aktiven Umgestaltung der Welt dient.


Widersprechen wir damit nicht der Behauptung, das Bewußtsein sei sekundär, abgeleitet und von der Materie bestimmt? Zwar ist das Bewußtsein sekundär gegenüber der Materie. Sie war vor dem Bewußtsein da, hat das Bewußtsein aus sich hervorgebracht und ist auch der Inhalt des Bewußtseins. Aber daraus folgt überhaupt nicht, daß es keine bedeutende Rolle spielen kann. Das Bewußtsein ist ein notwendiger Bestandteil des gesellschaftlichen Lebensprozesses. Dieser ist als aktive Aneignung, Veränderung und Umgestaltung der Welt nur möglich, weil das Bewußtsein die Menschen befähigt, diese Welt zu erkennen, sich bewußt Ziele zu setzen, Erfahrungen zu sammeln, zu lernen und ideell entworfene Programme und Projekte materiell zu realisieren.


Der Materialismus in allen seinen historischen Formen stand stets im Gegensatz zum Idealismus und hat sich in ständiger Auseinandersetzung mit dem Idealismus entwickelt.


Der Idealismus ist die philosophische Grundrichtung , die davon ausgeht, daß das Bewußtsein, das Denken, der Geist, der Wille, also irgend etwas Ideelles, Immaterielles primär, grundlegend, bestimmend ist; die Materie, die Natur, die materielle Welt sei von diesem hervorgebracht oder abhängig. Der Kampf des Materialismus gegen den Idealismus ist eng mit dem Kampf der Wissenschaft gegen die Religion verbunden. Der Materialismus ist dem Idealismus und der Religion prinzipiell entgegengesetzt. Er bestreitet die Existenz Gottes oder anderer übernatürlicher Kräfte und ist folglich Atheismus. Der Idealismus ist eng mit der Religion verbunden; er ist ihr direkter oder indirekter theoretischer Ausdruck und ihre theoretische Begründung.


Die idealistische Philosophie hat ihre sozialen und ihre erkenntnistheoretischen Wurzeln. Der Idealismus geht einseitig an die Erkenntnis heran, er übertreibt oder verabsolutiert eine Seite des komplizierten, vielseitigen und in sich widersprüchlichen Erkenntnisprozesses, darin bestehen seine erkenntnistheoretischen Wurzeln. Der Marxismus weist auf die erkenntnistheoretischen Wurzeln des Idealismus hin, um damit zu unterstreichen, daß der Idealismus nicht schlechthin unsinnig, sondern eine verkehrte Widerspiegelung der Wirklichkeit ist und an bestimmte Besonderheiten und Widersprüche des Erkenntnisprozesses anknüpft. Die idealistische Philosophie ist nach einem Ausdruck von Lenin eine taube Blüte, die am lebendigen Baum der lebendigen, fruchtbaren, machtvollen und allgewaltigen menschlichen Erkenntnis wächst. Lenin verglich den Erkenntnisprozeß mit einer Kurve, die sich einer Spirale unendlich nähert. Bei einseitigem und subjektiven Herangehen an ein Stückchen dieser Kurve kann sie in eine gerade Linie verwandelt werden, die den Menschen vom Hauptweg der Erkenntnis und von der Wahrheit wegführt.


Erkennbarkeit der Welt – Marxistische Erkenntnistheorie


Erkennen ist eine besondere Art der bewußten Widerspiegelung der objektiven Welt im gesellschaftlichen Bewußtsein, die sich durch charakteristische Merkmale auszeichnet. Worin bestehen sie? Erkennen ist theoretische Aneignung der objektiven Welt, daß heißt eine Widerspiegelung, die sich auf die wesentlichen Eigenschaften, die allgemeinen Strukturen und die Gesetzmäßigkeiten der objektiven Welt richtet. Ihr Ziel ist, möglichst exakte gedankliche Abbilder dieser Eigenschaften, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten zu gewinnen und diese in Form von Begriffen, Gesetzesaussagen, Formeln, Hypothesen, Theorien usw. zu einem gedanklichem Modell von Bereichen der Natur und Gesellschaft zu verarbeiten. Die adäquaten Abbilder von wesentlichen Eigenschaften, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten der objektiven Welt, die Erkenntnisse, dienen den Menschen als theoretische Grundlage ihrer zweckmäßigen Tätigkeit. Sie ermöglichen es ihnen, diese Eigenschaften, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten zum Zweck der planmäßigen Veränderung und Beherrschung von Naturprozessen und Gesellschaftsprozessen praktisch auszunutzen und anzuwenden.


«Wie verhalten sich unsere Gedanken über die uns umgebende Welt zu dieser Welt selbst? Ist unser Denken imstande, die wirkliche Welt zu erkennen, vermögen wir in unsern Vorstellungen und Begriffen von der wirklichen Welt ein richtiges Spiegelbild der Wirklichkeit erzeugen? Diese Frage heißt in der philosophischen Sprache die Frage nach der Identität von Denken und Sein und wird von der weitaus größten Zahl der Philosophen bejaht … Daneben gibt es aber noch eine Reihe andrer Philosophen, die die Möglichkeit einer Erkenntnis der Welt oder doch einer erschöpfenden Erkenntnis bestreiten … Die schlagenste Widerlegung dieser wie aller andern philosophischen Schrullen ist die Praxis, nämlich das Experiment und die Industrie. Wenn wir die Richtigkeit unsrer Auffassung eines Naturvorgangs beweisen können, indem wir ihn selbst machen, ihn aus seinen Bedingungen erzeugen, ihn obendrein unsern Zwecken dienstbar werden lassen, so ist es mit dem Kantschen unfaßbaren ‘Ding an sich’ zu Ende».(Engels, «Ludwig Feuerbach…»)


«The proof of the pudding is in the eating. In dem Augenblick, wo wir diese Dinge, je nach den Eigenschaften, die wir in ihnen wahrnehmen, zu unserm eignen Gebrauch anwenden, in dem selben Augenblick unterwerfen wir unsre Sinneswahrnehmungen einer unfehlbaren Probe auf ihre Richtigkeit oder Unrichtigkeit. Waren diese Wahrnehmungen unrichtig, dann muß auch unser Urteil über die Verwendbarkeit eines solchen Dings unrichtig sein, und unser Versuch, es zu verwenden muß fehlschlagen. Erreichen wir aber unsern Zweck, finden wir, daß das Ding unsrer Vorstellung von ihm entspricht, daß es das leistet, wozu wir es anwandten, dann ist dies positiver Beweis dafür, daß innerhalb dieser Grenzen unsre Wahrnehmung von dem Ding und von seinen Eigenschaften mit der außer uns bestehenden Wirklichkeit stimmen.» (Engels «Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft»)



Dialektik - Grundgesetze und Triebkräfte der Entwicklung


Die materialistische Dialektik ist "die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens". (Engels, "Anti-Dühring")


Wir müssen uns hier daran erinnern, daß die Philosophie zum Unterschied von den verschiedenen Einzelwissenschaften die allgemeinen Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten der Welt insgesamt erforscht, mit dem Ziel, eine umfassende weltanschaulich Orientierung auszuarbeiten. Dementsprechend untersucht die materialistische Dialektik die allgemeinen Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten aller Entwicklung in Natur, Gesellschaft und Denken.


Die materialistische Dialektik beruht auf den Erkenntnissen der Einzelwissenschaften, die die Entwicklungsgesetze der verschiedenen Bereiche der Natur und der Gesellschaft untersuchen; sie ist deren Verallgemeinerung. Deshalb ist ihre Kenntnis von grundlegender Bedeutung für alle Wissenschaften, denn sie gestattet es ihnen, alle Zusammenhänge und Entwicklungsprozesse von einer weltanschaulich richtigen Position zu erforschen, den inneren Zusammenhang der weitgehend isoliert untersuchten Bereiche der Welt zu verstehen und die Resultate der jeweiligen Wissenschaft in das System des Wissens einzuordnen.


Die materielle Welt befindet sich in einem ständigen Entwicklungsprozeß. Unter Entwicklung versteht man in der materialistischen Dialektik eine Bewegung in aufsteigender Linie, in deren Verlauf neue Qualitäten entstehen und ein nicht umkehrbarer Übergang von niederen zu höheren, von einfachen zu komplizierteren Qualitäten erfolgt. Diese Entwicklung in der materiellen Welt wird nicht durch äußere Einwirkungen verursacht, etwa durch einen göttlichen ersten Beweger. Die materialistische Dialektik faßt die Entwicklung also als Selbstbewegung der Materie auf, deren Quelle und Triebkraft in der Materie selbst, in ihren inneren Widersprüchen liegt. Die ganze materielle Welt bildet ein System qualitativ verschiedener Entwicklungsstufen, die entwicklungsgeschichtlich miteinander zusammenhängen. Die großen Entwicklungsstufen - anorganische Materie, organische Materie, menschliche Gesellschaft - gehen eine aus der anderen hervor. Jede dieser großen Entwicklungsstufen der Materie weist wiederum in sich zahlreiche Entwicklungsstufen auf.


Alle Entwicklungsprozesse verlaufen jeweils auf eine Art und Weise, die durch die Beschaffenheit und die Gesetzmäßigkeiten des betreffenden Systems bedingt ist. Zugleich besitzen sie alle aber auch bestimmte gemeinsame Züge. Diese kommen in den allgemeinen Entwicklungsgesetzen zum Ausdruck, die die Dialektik untersucht und formuliert. Die wichtigsten dieser allgemeinen Gesetzmäßigkeiten sind die Grundgesetze der Dialektik:

Erstens das Gesetz von der Einheit und dem "Kampf" der Gegensätze.

Zweitens das Gesetz vom Umschlagen quantitativer Veränderungen in neue qualitative Zustände.

Drittens das Gesetz der Negation der Negation.


Das Gesetz von der Einheit und dem "Kampf" der Gegensätze erklärt die Quelle, die Ursachen und die Triebkräfte der Entwicklung. In jedem natürlichen und gesellschaftlichen System befinden sich bestimmte Elemente, Kräfte, Tendenzen, Prozesse usw. in einer aktiven Wechselwirkung. Sie bilden im Rahmen des Systems eine Einheit, bedingen einander, aber schließen einander zugleich aus, wirken in entgegengesetzter Richtung, das heißt, sie liegen sozusagen im "Kampf" miteinander. Dieser "Kampf" der Gegensätze, die sich im Verhältnis der Einheit und des gleichzeitigen "Kampfes" befinden, bilden einen dialektischen Widerspruch. Alle materiellen Systeme und Prozesse sind durch dialektische Widersprüche charakterisiert. Diese dialektischen Widersprüche bestimmen die Struktur und die Entwicklung der materiellen Systeme, sie sind die eigentliche Quelle der Bewegung und Entwicklung. Aus diesem Grund hat Karl Marx auch den Widerspruch als "die Springquelle aller Dialektik" bezeichnet ("Das Kapital", Bd.1), und Lenin nannte die Lehre vom Widerspruch den "Kern der Dialektik" ("Konspekt zu Hegels Wissenschaft der Logik").


Beispiele:
Das Atom besteht aus dem positiv geladenem Kern und der negativ geladenen Elektronenhülle; in jedem Organismus vollziehen sich die entgegengesetzten Prozesse der Assimilation und Dissimilation; die gesellschaftliche Entwicklung beruht allgemein auf dem Widerspruch zwischen Natur und Gesellschaft, der ständig in der Produktion gelöst und neu gesetzt wird; die Produktion wiederum ist charakterisiert durch den Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktonsverhältnissen, der in den antagonistischen Klassengesellschaften - Sklaverei, Feudalismus, Kapitalismus - seinen Ausdruck im Klassenkampf findet.


Das Gesetz vom Umschlagen quantitativer Veränderungen in neue qualitative Zustände erklärt den allgemeinen Entwicklungsmechanismus. Es charakterisiert also eine weitere wesentliche Eigenschaft aller Entwicklungsprozesse. In der Bewegung beliebiger materieller Systeme erfolgen ständig Veränderungen quantitativer Art. Diese quantitativen Veränderungen vollziehen sich jedoch im Rahmen, in den Grenzen der gegebenen Qualität. Erst an einem ganz bestimmten Punkt führen die kontinuierlichen quantitativen Veränderungen zu einem plötzlichen Übergang in eine neue Qualität. Dann wird die allmähliche Veränderung, die evolutionäre Phase der Entwicklung, durch eine sprunghafte Veränderung, durch die revolutionäre Phase der Entwicklung, abgelöst. Evolution und Revolution machen also das Wesen der Entwicklung aus. Die Evolution, die quantitativen Veränderungen, bereiten die Revolution, den qualitativen Sprung, vor, in dessen Verlauf das alte System grundlegend umgestaltet beziehungsweise beseitigt wird und ein neues System mit einer völlig neuen Qualität entsteht. Diese neue Qualität bildet zugleich mit den ihr gemäßen Quantitäten eine neue Einheit. Der weitere Entwicklungsprozeß verläuft auf der Grundlage der neuen Qualität zunächst wieder in Form quantitativer Veränderungen, bis ein erneuter Umschlag in eine neue Qualität erfolgt. Die Entstehung einer neuen Qualität im Entwicklungsprozeß bedeutet, daß die alte Qualität "negiert" (verneint) wird.


Die dialektische Negation bedeutet, daß im Entwicklungsprozeß die Qualität, in deren Rahmen die Entwicklung bisher erfolgte, aufgehoben, beseitigt, überwunden wird und eine neue Qualität entsteht. Aber die alte Qualität wird nicht einfach vernichtet, sie verschwindet nicht spurlos. Vielmehr wird bei dieser Negation das bisherige positive Entwicklungsresultat aufbewahrt, es wird in die neue Qualität übernommen und dient hier als Grundlage der weiteren Entwicklung. Nachdem eine neue Qualität entstanden ist, vollzieht sich die weitere Entwicklung in ihrem Rahmen. Wenn die quantitativen Veränderungen ein bestimmtes Maß erreicht haben, erfolgt erneut der Umschlag in eine neue Qualität, das heißt, die frühere Qualität wird ebenfalls negiert. Diese war die Negation der vorangegangenen Qualität, nun wird sie ihrerseits negiert. Betrachten wir den ganzen Entwicklungszyklus in seinem Verlauf und Zusammenhang, dann können wir ihn als Negation der Negation charakterisieren. Das Gesetz der Negation der Negation erklärt die allgemeine Richtung der Entwicklung als Fortschreiten vom niederen zum höheren und zeigt den inneren Zusammenhang der Entwicklungsstadien.


Die Entwicklung der materiellen Welt vollzieht sich in Entwicklungszyklen, die jeweils als Negation der Negation auftreten. Die Entwicklungszyklen sind aber keine geradlinige Höherentwicklung, sondern gleichen eher einer Spirale, die mit der Höherentwicklung zugleich in gewisser Hinsicht eine Rückkehr zum Ausgangspunkt des Entwicklungszyklus verbindet, weil bestimmte Züge, Eigenschaften usw. der früheren Entwicklungsstufe auf höherem Entwicklungsniveau wiederkehren. Lenin nannte dies eine "Entwicklung, die die bereits durchlaufenen Stadien gleichsam noch einmal durchmacht, aber anders, auf höherer Stufe, eine Entwicklung, die nicht geradlinig, sondern sozusagen in der Spirale vor sich geht." (Lenin, "Karl Marx")


Bedeutung der Praxis in der marxistischen Philosophie


In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit ... seines Denkens beweisen" (Marx, "Thesen über Feuerbach").


Praxis ist die gesellschaftliche, materiell-gegenständliche Tätigkeit der Menschen, die darauf gerichtet ist, die natürliche und gesellschaftliche Umwelt entsprechend den Zwecken der Menschen bewußt und zielgerichtet zu verändern. In der Praxis, in der materiellen Produktion, der politischen Tätigkeit usw. werden die über Natur und Gesellschaft gewonnenen Erkenntnisse angewandt. Bei dieser Anwendung zeigt sich, wieweit sie mit der objektiven Realität übereinstimmen. Wenn eine Erkenntnis bei ihrer Anwendung zu den im voraus berechneten Ergebnissen führt, dann ist das ein unwiderlegbarer Beweis dafür, daß diese Erkenntnis ein wahres Abbild des betreffenden Gegenstandes oder Vorganges ist. Dann wissen wir, daß dieses Abbild tatsächlich mit der objektiven Realität übereinstimmt.

"Die Herrschaft über die Natur, die sich in der Praxis der Menschheit äußert, ist das Resultat der objektiv richtigen Widerspiegelung der Erscheinungen und Vorgänge der Natur im Kopfe des Menschen, ist der Beweis dafür, daß diese Widerspiegelung (in den Grenzen dessen, was uns die Praxis zeigt) objektive, absolute, ewige Wahrheit ist." (Lenin, "Materialismus und Empiriokritizismus")



Entwicklungsgesetze der menschlichen Gesellschaft

Historischer Materialismus - Marxistische Geschichtsauffassung


"Wir müssen ... damit anfangen, daß wir die erste Voraussetzung aller menschlichen Existenz, also auch aller Geschichte konstatieren, nämlich die Voraussetzung, daß die Menschen imstande sein müssen zu leben, um 'Geschichte machen' zu können. Zum Leben aber gehört vor allem Essen und Trinken, Wohnung, Kleidung und noch einiges andere. Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung der Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse, die Produktion des materiellen Lebens selbst, und zwar ist dies eine geschichtliche Tat, eine Grundbedingung aller Geschichte, die noch heute, wie vor Jahrtausenden, täglich und stündlich erfüllt werden muß, um die Menschen nur am Leben zu erhalten ... Das Zweite ist, daß das befriedigte erste Bedürfnis selbst, die Aktion der Befriedigung und das schon erworbene Instrument der Befriedigung zu neuen Bedürfnissen führt - und diese Erzeugung neuer Bedürfnisse ist die erste geschichtliche Tat ... Das dritte Verhältnis, was hier gleich von vornherein in die geschichtliche Entwicklung eintritt, ist das, daß die Menschen, die ihr eignes Leben täglich neu machen, anfangen, andre Menschen zu machen, sich fortzupflanzen - das Verhältnis zwischen Mann und Weib, Eltern und Kindern, die Familie." (Marx/Engels, "Die deutsche Ideologie")

"In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt." (Marx, "Zur Kritik der politischen Ökonomie" - Vorwort)

Kurze Begriffsklärungen

Produktionsverhältnisse:


Soziale Beziehungen, die die Menschen in der Produktion und Reproduktion ihres materiellen Lebens untereinander eingehen, weil die Produktion immer auf gesellschaftliche Weise, im Zusammenwirken vieler Menschen vonstatten geht; sie umfassen das (z.B. private oder gesellschaftliche) Eigentum an den Produktionsmitteln sowie den Austausch und die Verteilung der erforderlichen Tätigkeiten bzw. erzeugten Güter (Die Verteilungsverhältnisse der kapitalistischen Gesellschaft werden z.B. darin ausgedrückt, daß die Arbeiter Arbeitslohn und die Kapitalisten Profit erhalten).


Produktivkräfte:


Alle Kräfte, die benötigt werden, um materielle Güter zu Befriedigung menschliche Bedürfnisse herzustellen: körperliche und geistige Kräfte des Menschen selbst, Naturkräfte und -stoffe, entweder in unbearbeiteter Form als Rohstoffe, Wasserkraft und ähnliches oder in bereits bearbeiteter Form als Produktionsmittel (also Maschinen, Werkzeuge, Geräte, Technik, die Verwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse).

Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte bilden zusammen die Produktionsweise.


Juristischer und politischer Überbau:


Das ganze System des Staates und seiner Organe: Gesetzgebende und Verwaltungsorgane, Polizei, Justiz und Armee, die politischen Parteien und andere gesellschaftliche Organisationen, kulturelle Einrichtungen wie Bildungswesen, Presse, Rundfunk und Fernsehen, künstlerische Institutionen, die Kirche und anderes mehr.


Gesellschaftliche Bewußtseinsformen:


Die Ideen, Auffassungen, Überzeugungen, Theorien über das gesellschaftliche Leben, Ideologien, Rechtsnormen, moralische Regeln, künstlerische Darstellungen, die Religion, Weltanschauungen; sie stehen in einer engen Wechselwirkung zum "juristischen und politischen Überbau".


Sozialer Lebensprozeß:


Die Gliederung der Menschen in die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppierungen, vor allem und in erster Linie natürlich in Klassen, aber auch in Stadt- und Landbevölkerung, in Berufe oder andere Tätigkeitsbereiche, in Familien oder andere auf gemeinsame Abstammung, Verwandtschaft oder Herkunft beruhende soziale Einheiten.

Ausgehend von der grundlegenden Bedeutung der Produktion und Reproduktion des materiellen Lebens für die menschliche Gesellschaft, deckten Marx und Engels in den Produktionsverhältnissen jene gesellschaftlichen Verhältnisse auf, von deren Charakter der Charakter aller übrigen gesellschaftlichen Verhältnisse letztlich abhängt. Die Produktionsweise ist also von grundlegender Bedeutung für das gesellschaftliche Leben:

Sie ist erstens die grundlegende menschliche Lebenstätigkeit; ohne sie würde die Gesellschaft zugrunde gehen, hätten die Menschen keine Mittel, um ihr physisches Leben aufrechtzuerhalten. Diese allgemeine Funktion ist auf den verschiedenen Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung dieselbe.


Zweitens ist sie in dem Sinne von grundlegender Bedeutung, daß von der konkreten Art der Produktion die Art und Weise des gesellschaftlichen Lebens insgesamt abhängt. Die Art und Weise der Produktion unterscheidet sich auf den verschiedenen Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung bedeutend. Marx und Engels haben selbst den Zusammenhang und den Unterschied dieser beiden Gesichtspunkte unterstrichen:

"Diese Weise der Produktion ist nicht bloß nach der Seite hin zu betrachten, daß sie die Reproduktion der physischen Existenz der Individuen ist. Sie ist vielmehr schon eine bestimmte Art, ihr Leben zu äußern, eine bestimmte Lebensweise derselben. Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren." (Marx/Engels, "Die deutsche Ideologie")


Diesen letztlich in einer bestimmten Entwicklungsstufe der Produktivkräfte wurzelnden Gesamtzusammenhang des gesellschaftlichen Lebens bezeichnet der historische Materialismus als ökonomische Gesellschaftsformation.


Wir kennen die ökonomischen Gesellschaftsformationen der Urgesellschaft, der Sklavenhaltergesellschaft, des Feudalismus, des Kapitalismus und des Kommunismus.


"Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das Ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, daß ihr Bewußtsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Triebkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz, ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten. Sowenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewußtsein beurteilen, sondern muß vielmehr dieses Bewußtsein aus den Widersprüchen des materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären. Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer beobachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind ... Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht in dem Sinn von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden Antagonismus, aber die im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab." (Marx, "Zur Kritik der politischen Ökonomie", Vorwort)


Ökonomische Basis und gesellschaftlicher Überbau:


"Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, daß die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaft ist; daß in jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen, nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen in der Produktions- und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie der betreffenden Epoche." (Engels, "Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft")


Die Art und Weise der Herstellung und Handhabung der Produktionsinstrumente in der Urgesellschaft setzte noch keine differenzierte Arbeitsteilung, keine vielfach gegliederte gesellschaftliche Produktion voraus. Sie zwang den Menschen jedoch, um des Überlebens Willen in Horden zusammenzuleben. Größeres Wild konnte mit den primitiven Jagdwaffen nur durch das Zusammenwirken einer Gruppe von Menschen erlegt werden. Die Höherentwicklung der Produktivkräfte, die Entwicklung einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung und die allmähliche Steigerung der Produktivität der menschlichen Arbeit (Mehrprodukt) führten dann zu einer immer differenzierteren gesellschaftlichen Gliederung. Diese fand in einer ungleichen Verteilung der Güter zwischen den Menschen, in der Herausbildung des Privateigentums, in der Entstehung von Abhängigkeiten zwischen Menschen, in der Unterordnung der einen unter die anderen und schließlich in der Spaltung der Gesellschaft in Klassen ihren Ausdruck. Die Sklaverei war ein notwendiges gesellschaftliches Produktionsverhältnis. Die Inangriffnahme großer Produktionsvorhaben wie Bauwerke oder Bewässerungsanlagen lediglich mit Handarbeit und bei völligem Desinteresse der unmittelbaren Produzenten (da diesen aus dem Mehrprodukt kein Nutzen erwuchs) setzte die Kooperation großer Massen von Arbeitern voraus, die durch schärfsten Zwang zusammengehalten wurden. Wieder andere Formen gegenseitiger gesellschaftlicher Beziehungen brachte die Art und Weise der bäuerlichen Arbeit im Mittelalter hervor: das Eigentum des Feudalherrn an Grund und Boden und dessen Bewirtschaftung durch Bauern, die den größten Teil des erzeugten Mehrproduktes an die Feudalherren abzuliefern hatten. Vielfältig sind die Formen, in denen sich die kapitalistische Lohnarbeit, die Ausbeutung der Arbeiterklasse durch die Bourgeoisie, historisch herausbildete und in Erscheinung trat. Sie beruht einerseits auf dem Eigentum des Kapitalisten an den Produktionsmitteln und andererseits auf den Produzenten, welche lediglich über die eigene Arbeitskraft verfügen. Auch dieses Produktionsverhältnis entspricht einem bestimmten Entwicklungsstand der Produktivkräfte. Er findet insbesondere in der großen Industrie Ausdruck und ist durch ein vielfach differenziertes System gesellschaftlicher Arbeitsteilungen, durch weit vorangetriebene Spezialisierung der menschlichen Arbeit und durch die Zusammenarbeit großer Gruppen von Arbeitern im Maßstab großer Unternehmen gekennzeichnet.


"Was ist die Gesellschaft, was immer auch ihre Form sei? Das Produkt des wechselseitigen Handelns der Menschen. Steht es den Menschen frei, diese oder jene Gesellschaftsform zu wählen? Keineswegs. Setzen sie einen bestimmten Entwicklungsstand der Produktivkräfte der Menschen voraus, und sie erhalten eine bestimmte Form des Verkehrs .. und der Konsumtion. Setzen sie bestimmte Stufen der Entwicklung der Produktion, des Verkehrs und der Konsumtion voraus, und Sie erhalten eine entsprechende Ordnung, eine entsprechende Organisation der Familie, der Stände oder der Klassen, mit einem Wort, eine entsprechende Gesellschaft .. Setzen Sie eine solche Gesellschaft voraus, und Sie erhalten eine entsprechende politische Ordnung, .. die nur der offizielle Ausdruck der Gesellschaft ist." (Marx, Brief an P.W. Annenkow)


Klassen und Klassenkampf:


"Als Klassen bezeichnet man große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem (größtenteils in Gesetzen fixierten und formulierten) Verhältnis zu den Produktionsmitteln, nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und folglich nach der Art der Erlangung und der Größe des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen. Klassen sind Gruppen von Menschen, von denen die eine sich die Arbeit einer anderen aneignen kann infolge der Verschiedenheit ihres Platzes in einem bestimmten System der gesellschaftlichen Wirtschaft." (Lenin, "Die große Initiative")

Klassen hat es nicht von Ewigkeit her gegeben. Sie sind eine historische, vorübergehende und vergängliche Erscheinung. Sie entstanden, als die Produktivität der menschlichen Arbeit groß genug war, um ein ständiges Mehrprodukt zu erzeugen. Im Zusammenhang damit bildete sich das Privateigentum heraus, und die Besitzer der Produktionsmittel gingen dazu über, sich das von den unmittelbaren Produzenten erzeugte Mehrprodukt anzueignen, sie auszubeuten. So entstand die Klassengesellschaft in Gestalt der Sklavenhalterordnung und ihres Gegensatzes von Sklavenhaltern und Sklaven, so prägte der Gegensatz von Feudalherren und feudalabhängigen Bauern den Feudalismus und der Gegensatz zwischen Proletariern und Kapitalisten den Kapitalismus.


"Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.

Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.


In den frühen Epochen der Geschichte finden wir fast überall eine vollständige Gliederung der Gesellschaft in verschiedene Stände, eine mannigfaltige Abstufung der gesellschaftlichen Stellungen. Im alten Rom haben wir Patrizier, Ritter, Plebejer, Sklaven; im Mittelalter Feudalherren, Vasallen, Zunftbürger, Gesellen, Leibeigene, und noch dazu in fast jeder dieser Klassen wieder besondere Abstufungen. Die aus dem Untergang der feudalen Gesellschaft hervorgegangene bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung, neue Gestaltung des Kampfes an die Stelle der alten gesetzt. Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat. (Unter Bourgeoisie wird die Klasse der modernen Kapitalisten verstanden, die Besitzer der gesellschaftlichen Produktionsmittel sind und Lohnarbeit ausnutzen. Unter Proletariat die Klasse der modernen Lohnarbeiter, die, da sie keine eigenen Produktionsmittel besitzen, darauf angewesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um leben zu können.)"
(Marx/Engels, "Manifest der Kommunistischen Partei")


Solange antagonistische (in nicht auflösbarem Widerspruch stehende) Klassen existieren, liefert das Verhältnis der verschiedenen Klassen zueinander, die Veränderung und Entwicklung ihrer gegenseitigen Beziehungen und Interessen den Schlüssel zum Verständnis aller anderen sozialen Beziehungen, Erscheinungen und Prozesse, die das Bild einer bestimmten Gesellschaft ausmachen. Greifen wir nur die wichtigsten heraus. Der Staat in einer antagonistischen Klassengesellschaft ist seinem Wesen nach das Machtinstrument der herrschenden Klasse. Der Hauptinhalt der Tätigkeit der verschiedenen Organe und Einrichtungen der Staatsmacht ist die Unterdrückung, die Niederhaltung und Unterjochung der ausgebeuteten Klassen, die Aufrechterhaltung und Verteidigung der bestehenden Ordnung bzw. die Eroberung und Ausplünderung fremder Völker. Die Politik und das politische System einer Gesellschaft ist die Gesamtheit jener Beziehungen, Aktionen und Organisationen, in denen sich der Kampf der Hauptklassen um den Einfluß im Staat bzw. um die Macht konzentriert. Die politischen Parteien sind dazu da, den Interessen der verschiedenen Klassen oder einzelnen Gruppen dieser Klassen in diesem Kampf Geltung zu verschaffen. Auch Kriege sind eine Form des Klassenkampfes, ein Mittel zur gewaltsamen Durchsetzung von Klasseninteressen.


Um das Handeln vor allem der beherrschten Mehrheit der Bevölkerung in solche Bahnen zu lenken, daß möglichst alles für die Aufrechterhaltung oder der Vervollkommnung der bestehenden Ordnung Erforderliche getan und alles sie Gefährdende unterlassen wird, schafft sich die herrschende Klasse ein System von juristischen Gesetzen, Vorschriften, Verordnungen und anderen Verhaltensregeln. Über deren Einhaltung wacht ein sich ständig vergrößernder Apparat. Im "Manifest der Kommunistischen Partei" bezeichneten Marx und Engels das Recht als den zum Gesetz erhobenen Willen der herrschenden Klassen.


Die Klassen geben ihren Interessen auch in Philosophie, Kunst, Moralauffassungen, Gesellschaftstheorien und Religionen Ausdruck, das heißt, Klassen entwickeln ihre Ideologie, und die Ideologien von Ausbeuterklassen erfüllen in der Regel ihre Klassenfunktionen dadurch, daß sie die Existenz von Klassen und Klassenkampf, ja selbst ihre eigene Aufgabe, Interessen von Klassen bewußt oder unbewußt auszusprechen und zu verteidigen, zu vertuschen suchen.


Die Beziehungen und der Kampf zwischen Klassen durchdringen also alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Sie müssen daher vor allem analysiert werden, wenn es um das Verständnis einer bestimmten Gesellschaft oder auch eines bestimmten geschichtlichen Abschnitts geht, wenn bestimmte Geschichtsperioden, in denen bedeutsame soziale Veränderungen und Umwälzungen stattfinden, eingeschätzt werden.



Was ist die politische Ökonomie des Kapitalismus?


Engels gab eine genaue Definition des Gegenstandes der politischen Ökonomie:


Die politische Ökonomie beschäftigt sich mit den «Bedingungen und Formen, unter denen die verschiednen menschlichen Gesellschaften produziert und ausgetauscht und unter denen sie dem gemäß jedesmal die Produktion verteilt haben … Die politische Ökonomie, im weitesten Sinne, ist die Wissenschaft von den Gesetzen, welche die Produktion und den Austausch des materiellen Lebensunterhalts in der menschlichen Gesellschaft beherrschen.» (Engels, «Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft»)

Die politische Ökonomie ist eine Gesellschaftswissenschaft. Sie erforscht die ökonomischen Gesetze, die in den gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen in der Produktion, in der Verteilung, im Austausch und in der Konsumtion der für die Existenz der Gesellschaft notwendigen materiellen Güter auf den verschiedenen Stufen ihrer Entwicklung wirken. Im Gegensatz zu Behauptungen bürgerlicher Ökonomen ist die politische Ökonomie nicht schlechthin eine "Wissenschaft von der Produktion", sondern die Wissenschaft von den Produktionsverhältnissen der Gesellschaft und den in ihnen wirkenden ökonomischen Gesetzen. "Wenn also von Produktion die Rede ist", betont Marx, "ist immer die Rede von Produktion auf einer bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungsstufe - von der Produktion gesellschaftlicher Individuen." (Marx, "Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie")


Engels hebt hervor: "Die Ökonomie handelt nicht von Dingen, sondern von Verhältnissen zwischen Personen und in letzter Instanz zwischen Klassen; diese Verhältnisse sind aber stets an Dinge gebunden und erscheinen als Dinge."

"Ihr Gegenstand ist keineswegs, wie häufig gesagt wird, 'die Produktion materieller Werte' (das ist Gegenstand der Technologie), sondern ihr Gegenstand sind die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen in der Produktion." (Lenin, "Zur Charakteristik der ökonomischen Romantik")


Wert, Geld, Preis - Das Wertgesetz


Aus: Lenin, "Karl Marx"


" 'Es ist der letzte Endzweck dieses Werkes', sagt Marx im Vorwort zum 'Kapital', 'das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen', d.h. der kapitalistischen, bürgerlichen Gesellschaft. Die Erforschung der Produktionsverhältnisse der gegebenen, historisch bestimmten Gesellschaft in ihrer Entstehung, ihrer Entwicklung und ihrem Verfall - das ist der Inhalt der ökonomischen Lehre von Marx. In der kapitalistischen Gesellschaft herrscht die Produktion von Waren, und die Marxsche Analyse beginnt daher mit der Analyse der Ware.


Der Wert


Eine Ware ist erstens ein Ding, das irgendein menschliches Bedürfnis befriedigt; sie ist zweitens ein Ding, das gegen ein anderes austauschbar ist. Die Nützlichkeit eines Dings macht es zum Gebrauchswert. Der Tauschwert (oder einfach Wert) ist vor allem ein Verhältnis, die Proportion, worin sich eine bestimmte Anzahl von Gebrauchswerten einer Art gegen eine bestimmte Anzahl von Gebrauchswerten anderer Art austauscht. Die tägliche Erfahrung zeigt uns, daß Millionen und Milliarden solcher Tauschakte alle, selbst die verschiedensten und miteinander nicht vergleichbaren Gebrauchswerte fortwährend einander gleichsetzen. Was haben nun diese verschiedenartigen Dinge miteinander gemein, die in einem bestimmten System gesellschaftlicher Verhältnisse fortwährend einander gleichgesetzt werden? Was sie miteinander gemein haben, ist, daß sie Arbeitsprodukte sind. Indem die Menschen Produkte austauschen, setzen sie die verschiedensten Arten von Arbeit einander gleich. Die Warenproduktion ist ein System von gesellschaftlichen Verhältnissen, bei dem die einzelnen Produzenten verschiedenartige Produkte erzeugen (gesellschaftliche Arbeitsteilung) und alle diese Produkte beim Austausch einander gleichgesetzt werden. Das Gemeinsame, das in allen Waren enthalten ist, ist also nicht die konkrete Arbeit eines bestimmten Produktionszweiges, nicht Arbeit einer bestimmten Art, sondern abstrakte menschliche Arbeit, menschliche Arbeit schlechthin. Die gesamte Arbeitskraft einer gegebenen Gesellschaft, die sich in der Summe de Werte aller Waren darstellt, gilt als ein und dieselbe menschliche Arbeitskraft: Milliarden von Tauschakten beweisen das. Folglich stellt jede einzelne Ware nur einen bestimmten Teil der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit dar. Die Wertgröße wird bestimmt durch das Quantum der gesellschaftlich notwendigen Arbeit oder die zur Herstellung einer gegebenen Ware, eines gegebenen Gebrauchswert gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. 'Indem sie' (die Menschen) 'ihre verschiedenartigen Produkte einander im Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiednen Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen das nicht, aber sie tun es.' (Marx, "Das Kapital")


Der Wert ist ein Verhältnis zwischen Personen, wie ein alter Ökonom gesagt hat; er hätte bloß hinzusetzen müssen: ein unter dinglicher Hülle verstecktes Verhältnis. Nur vom Standpunkt des Systems der gesellschaftichen Produktionsverhältnisse einer bestimmten historischen Gesellschaftsformation, und zwar von Verhältnissen, die in der milliardenmal sich wiederholenden Massenerscheinung des Austausches zum Vorschein kommen, kann man begreifen, was der Wert ist. 'Als Werte sind alle Waren nur bestimmte Maße festgeronnener Arbeitszeit.' Nach eingehender Analyse des Doppelcharakters der in den Waren verkörperten Arbeit geht Marx zur Analyse der Wertform und des Geldes über. Die Hauptaufgabe, die sich Marx dabei stellt, ist die Untersuchung der Entstehung der Geldform des Wertes, die Untersuchung des historischen Prozesses der Entwicklung des Austausches, von den einzelnen, zufälligen Tauschakten ... bis zur allgemeinen Wertform, bei der eine Reihe von verschiedenen Waren gegen ein und dieselbe bestimmte Ware ausgetauscht wird, und bis zur Geldform des Wertes, bei der als diese bestimmte Ware, als das allgemeine Äquivalent, das Gold auftritt. Das Geld als das höchste Produkt der Entwicklung des Austausches und der Warenproduktion vertuscht und verschleiert den gesellschaftlichen Charakter der privaten Arbeiten, den gesellschaftlichen Zusammenhang zwischen den einzelnen Produzenten, die durch den Markt vereinigt sind. Marx unterzieht die verschiedenen Funktionen des Geldes einer außerordentlich eingehenden Analyse, wobei es auch hier (wie überhaupt in den ersten Kapiteln des 'Kapitals') von besonderer Wichtigkeit ist, festzustellen, daß die abstrakte und mitunter scheinbar rein deduktive [theoretisch abgeleitete] Form der Darstellung in Wirklichkeit ein gewaltiges Tatsachenmaterial zur Entwicklungsgeschichte des Austausches und der Warenproduktion wiedergibt. '... das Geld ... setzt ... eine gewisse Höhe des Warenaustausches voraus. Die besondren Geldformen, bloßes Warenäquivalent, oder Zirkulationsmittel, oder Zahlungsmittel, Schatz und Weltgeld, deuten, je nach dem verschiednen Umfang und dem relativen Vorwiegen einer oder der andren Funktion, auf sehr verschiedne Stufen des gesellschaftlichen Produktionsprozesses.' ('Das Kapital') "


Die Verwandlung von Geld in Kapital


Der logische und historische Ausgangspunkt des Kapitals ist das Geld. Wie die Urformen des Kapitals in den vorkapitalistischen Produktionsweisen - Handels- und Wucherkapital - ihren Ausgangspunkt im Geld hatten, ist Geld auch der Ausgangspunkt des der kapitalistischen Produktionsweise zugrunde liegenden industriellen Kapitals. Jedes Kapital beginnt seine Bewegung in Geldform. Der entscheidende Unterschied zwischen Geld als Geld und Geld als Kapital äußert sich in unterschiedlichen Zirkulationsformen. Die Zirkulationsform des Geldes als Geld zeigt sich in der für die einfache Warenproduktion typischen Formel W(are) - G(eld) - W(are). In dieser Bewegung dient das Geld als Mittel des Warenaustausches. Auf der Grundlage des Äquivalenzprinzips werden Waren mit Hilfe des Geldes gegen andere Waren getauscht. Es wird produziert, um zu verkaufen, verkauft, um zu kaufen, gekauft, um zu konsumieren. Das Ziel der Bewegung ist die Erlangung von Gebrauchswerten, die Konsumtion. Eine Vermehrung des Geldes findet nicht statt.


Die Zirkulationsformel des Geldes als Kapital lautet dagegen zunächst: G - W - G. Sie drückt aus, daß es in dieser Bewegung darum geht, mit Hilfe des Geldes Waren zu kaufen, um diese gegen Geld wieder zu verkaufen. Das Ziel dieser Bewegung ist nicht der Gebrauchswert, die Konsumtion, sondern der Tauschwert, das Geld. Da am Ausgangs- und Endpunkt dieser Bewegung die gleiche Qualität Geld steht, erhält der Kauf zum Zwecke des Verkaufs für den Träger dieser Bewegung nur dann einen Sinn, wenn am Ende der Bewegung eine größere Quantität Geld zur Verfügung steht als an ihrem Anfang (= G'). Das treibende Motiv dieser Bewegung, in der sich Geld in Kapital verwandelt, ist der prozessierende, sich ständig vermehrende Wert, die Verwertung, die Verwandlung von Wert in Mehrwert. Die allgemeine Formel des Kapitals, wie es unmittelbar in der Zirkulationssphäre erscheint, lautet daher: G - W - G'.


Das Kapital – ein gesellschaftliches Verhältnis


An der Oberfläche der kapitalistischen Produktionsverhältnisse erscheint das Kapital als eine Anhäufung von Dingen: Maschinen, Werkzeuge, Fabriken, Rohstoffe, Material usw.. Diese Dinge sind aber nur der stoffliche Träger eines Teils der Wertsumme, über die der Kapitalist verfügt. Damit der Wert seines Kapitals wachsen kann, muß ein anderer Wertbestandteil seines Kapitals in Arbeitskraft umgesetzt, die Arbeitskraft selbst dem Kapital einverleibt werden. Im kapitalistischen Produktionsprozeß dient der Wertbestandteil des Kapitals, der sich in Produktionsmitteln darstellt, als Mittel zur Aufsaugung des Wertes, den die Arbeitskraft der Lohnarbeiter schafft, vor allem als Mittel zur Aufsaugung der Mehrarbeit, die der Kapitalist sich unentgeltlich aneignet. Kapital ist also Wert, der durch die Ausbeutung der Lohnarbeiter Mehrwert bringt, "Mehrwert heckender Wert" (Marx, "Das Kapital"), sich selbst verwertender Wert.


Der Mehrwert

Wert der Ware Arbeitskraft – Kapital, Mehrwert, Ausbeutung, Akkumulation

Aus: Lenin, "Karl Marx"


"Auf einer bestimmten Entwicklungsstufe der Warenproduktion verwandelt sich Geld in Kapital. Die Formel der Warenzirkulation war: W (Ware) - G (Geld) - W (Ware), d.h. eine Ware verkaufen, um eine andere zu kaufen. Die allgemeine Formel des Kapitals dagegen ist: G-W-G, d.h. kaufen, um (mit Profit) zu verkaufen. Mehrwert nennt Marx diesen Zuwachs zum ursprünglichen Wert des in Umlauf gesetzten Geldes. Die Tatsache dieses 'Zuwachses' des Geldes im kapitalistischen Umlauf ist allgemein bekannt. Eben dieser 'Zuwachs' verwandelt das Geld in Kapital, als ein besonderes, historisch bestimmtes gesellschaftliches Produktionsverhältnis. Der Mehrwert kann nicht aus der Warenzirkulation entspringen, denn diese kennt nur den Austausch von Äquivalenten; er kann auch nicht aus einem Preisaufschlag entspringen, denn die gegenseitigen Gewinne und Verluste der Käufer und Verkäufer würden sich ausgleichen, es handelt sich aber gerade um eine gesellschaftliche Massen- und Durchschnittserscheinung und nicht um eine individuelle Erscheinung. Um Mehrwert zu erhalten, muß der 'Geldbesitzer ... auf dem Markte eine Ware ... entdecken, deren Gebrauchswert selbst die eigentümliche Beschaffenheit besäße, Quelle von Wert zu sein' (Marx), eine Ware also, deren wirklicher Verbrauch zugleich Wertschöpfung wäre. Eine solche Ware gibt es. Es ist die Arbeitskraft des Menschen. Ihr Verbrauch ist Arbeit, Arbeit aber schafft Wert. Der Geldbesitzer kauft die Arbeitskraft zu ihrem Wert, der gleich dem Wert jeder anderen Ware durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt wird, die zu ihrer Herstellung notwendig ist (d.h. durch die Unterhaltskosten des Arbeiters und seiner Familie). Hat der Geldbesitzer die Arbeitskraft gekauft, so hat er das Recht, sie zu gebrauchen, d.h., sie einen ganzen Tag, sagen wir 12 Stunden, arbeiten zu lassen. Indes erzeugt der Arbeiter im Laufe von 6 Stunden (der 'notwendigen' Arbeitszeit) ein Produkt, durch das sein Lebensunterhalt gedeckt wird, im Laufe der übrigen 6 Stunden (der 'Surplus'arbeitszeit) aber erzeugt er ein vom Kapitalisten nicht bezahltes 'Mehr'produkt oder den Mehrwert. Folglich muß man vom Standpunkt des Produktionsprozesses zwei Teile des Kapitals unterscheiden: das konstante Kapital, das für die Produktionsmittel (Maschinen, Arbeitswerkzeug, Rohmaterial usw.) verausgabt wird - sein Wert geht (auf einmal oder in Teilen) unverändert auf das fertige Produkt über -, und das variable Kapital, das für die Arbeitskraft verausgabt wird. Der Wert dieses Kapitals bleibt nicht unverändert, sondern nimmt im Arbeitsprozeß durch Schaffung des Mehrwerts zu. Um den Grad der Ausbeutung der Arbeitskraft durch das Kapital auszudrücken, hat man daher den Mehrwert nicht mit dem Gesamtkapital, sondern nur mit dem variablen Kapital zu vergleichen. Die Rate des Mehrwerts, wie Marx dieses Verhältnis nennt, wird also in unserem Beispiel 6:6, d.h. 100 Prozent, betragen.


Historische Voraussetzung für die Entstehung des Kapitals ist erstens die Akkumulation einer bestimmten Geldsumme in den Händen einzelner Personen bei verhältnismäßig hohem Entwicklungsniveau der Warenproduktion im allgemeinen, zweitens das Vorhandensein eines in doppeltem Sinne 'freien' Arbeiters - frei von allen Behinderungen oder Einschränkungen beim Verkauf der Arbeitskraft und frei von Grund und Boden sowie von Produktionsmitteln überhaupt -, eines an keinen Herrn gebundenen Arbeiters, eines 'Proletariers', der nicht anders als vom Verkauf seiner Arbeitskraft existieren kann.

Der Mehrwert kann hauptsächlich durch zwei Methoden vergrößert werden: durch Verlängerung des Arbeitstages ('absoluter Mehrwert') und durch Verkürzung des notwendigen Arbeitstags ('relativer Mehrwert'). Bei der Analyse der ersten Methode entwirft Marx ein grandioses Bild vom Kampf der Arbeiterklasse für die Verkürzung des Arbeitstags und vom Eingreifen der Staatsgewalt zuerst zugunsten der Verlängerung des Arbeitstags (14.-17. Jahrhundert) und dann zugunsten seiner Verkürzung (die Fabrikgesetzgebung des 19. Jahrhunderts). Seit dem Erscheinen des 'Kapitals' hat die Geschichte der Arbeiterbewegung in allen zivilisierten Ländern der Welt Tausende und aber Tausende neuer Tatsachen geliefert, die dieses Bild vervollständigen.


Bei seiner Analyse der Produktion des relativen Mehrwerts untersucht Marx die drei historischen Hauptstadien der Erhöhung der Arbeitsproduktivität durch den Kapitalismus: 1. einfache Kooperation; 2. Teilung der Arbeit und Manufaktur; 3. Maschinerie und große Industrie. ... Die revolutionierende Wirkung der großen maschinellen Industrie aber, wie sie von Marx im Jahre 1867 beschrieben worden ist, offenbarte sich im Laufe des seitdem verflossenen halben Jahrhunderts in einer ganzen Reihe 'neuer' Länder (Rußland, Japan u.a.).


Weiter. Höchst wichtig und neu ist Marx' Analyse der Akkumulation des Kapitals, d.h. der Verwandlung eines Teils des Mehrwerts in Kapital, der Verwendung dieses Teils nicht für die persönlichen Bedürfnisse oder Launen des Kapitalisten, sondern zu neuer Produktion. Marx wies den Fehler der ganzen früheren klassischen politischen Ökonomie (seit Adam Smith) nach, die angenommen hatte, daß aller Mehrwert, der in Kapital verwandelt wird, zu variablem Kapital geschlagen würde. In Wirklichkeit aber zerfällt er in Produktionsmittel plus variables Kapital. Von gewaltiger Bedeutung im Prozeß der Entwicklung des Kapitalismus und seiner Umwandlung in den Sozialismus ist die Tatsache, daß der Anteil des konstanten Kapitals (an der Gesamtsumme des Kapitals) rascher wächst als der des variablen Kapitals.


Indem die Akkumulation des Kapitals die Verdrängung der Arbeiter durch die Maschine beschleunigt und auf dem einen Pol Reichtum, auf dem Gegenpol Elend produziert, erzeugt sie auch die sogenannte 'industrielle Reservearmee', den 'relativen Überfluß' an Arbeitern oder die 'kapitalistische Überbevölkerung', die außerordentlich mannigfaltige Formen annimmt und dem Kapital die Möglichkeit bietet, die Produktion außerordentlich rasch zu erweitern. Diese Möglichkeit in Verbindung mit dem Kredit und der Akkumulation des Kapitals in Produktionsmitteln liefert unter anderem den Schlüssel zum Verständnis der Krisen durch Überproduktion, die in den kapitalistischen Ländern periodisch ausbrachen, anfänglich im Durchschnitt alle 10 Jahre, dann in längeren und weniger bestimmten Zeitabständen. Von der Akkumulation des Kapitals auf der Basis des Kapitalismus muß die sogenannte ursprüngliche Akkumulation unterschieden werden: die gewaltsame Trennung des Arbeitenden von den Produktionsmitteln, die Verjagung der Bauern von ihrem Boden, der Raub von Gemeindeländereien, das System der Kolonien, der Staatsschulden, des Schutzzolls usw. Die 'ursprünglich Akkumulation' erzeugt auf dem einen Pol den 'freien' Proletarier, auf dem Gegenpol den Geldbesitzer, den Kapitalisten.


Die 'geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation' wird von Marx in folgenden berühmten Worten charakterisiert: 'Die Expropriation [Enteignung] der unmittelbaren Produzenten wird mit schonungslosestem Vandalismus und unter dem Trieb der infamsten, schmutzigsten, kleinlichst gehässigsten Leidenschaften vollbracht. Das selbst erarbeitete, sozusagen auf Verwachsung des einzelnen, unabhängigen Arbeitsindividuums' (des Bauern und Handwerkers) 'mit seinen Arbeitsbedingungen beruhende Privateigentum wird verdrängt durch das kapitalistische Privateigentum, welches auf Exploitation [Ausbeutung] fremder, aber formal freier Arbeit beruht ... Was jetzt zu expropriieren, ist nicht länger der selbstwirtschaftende Arbeiter, sondern der viele Arbeiter exploitierende Kapitalist. Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Zentralisation der Kapitale. Je ein Kapitalist schlägt viele tot. Hand in Hand mit dieser Zentralisation oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewußte technische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßige Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, die Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als Produktionsmittel kombinierter, gesellschaftlicher Arbeit, die Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarkts, und damit der internationale Charakter des kapitalistischen Regimes. Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch der Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.' ('Das Kapital', Bd. 1)"



Aus: "Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus"

von W.I. Lenin, geschrieben: Januar-Juni 1916



VII. Der Imperialismus als besonderes Stadium des Kapitalismus


Wir müssen nun versuchen, das oben über den Imperialismus Gesagte zusammenzufassen und gewisse Schlußfolgerungen zu ziehen. Der Imperialismus erwuchs als Weiterentwicklung und direkte Fortsetzung der Grundeigenschaften des Kapitalismus überhaupt. Zum kapitalistischen Imperialismus aber wurde der Kapitalismus erst auf einer bestimmten, sehr hohen Entwicklungsstufe, als einige seiner Grundeigenschaften in ihr Gegenteil umzuschlagen begannen, als sich auf der ganzen Linie die Züge einer Übergangsperiode vom Kapitalismus zu einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation herausbildeten und sichtbar wurden. Ökonomisch ist das Grundlegende in diesem Prozeß die Ablösung der kapitalistischen freien Konkurrenz durch die kapitalistischen Monopole. Die freie Konkurrenz ist die Grundeigenschaft des Kapitalismus und der Warenproduktion überhaupt; das Monopol ist der direkte Gegensatz zur freien Konkurrenz, aber diese begann sich vor unseren Augen zum Monopol zu wandeln, indem sie die Großproduktion schuf, den Kleinbetrieb verdrängte, die großen Betriebe durch noch größere ersetzte, die Konzentration der Produktion und des Kapitals so weit trieb, daß daraus das Monopol entstand und entsteht, nämlich: Kartelle, Syndikate, Trusts und das mit ihnen verschmelzende Kapital eines Dutzends von Banken, die mit Milliarden schalten und walten. Zugleich aber beseitigen die Monopole nicht die freie Konkurrenz, aus der sie erwachsen, sondern bestehen über und neben ihr und erzeugen dadurch eine Reihe besonders krasser und schroffer Widersprüche, Reibungen und Konflikte. Das Monopol ist der Übergang des Kapitalismus zu einer höheren Ordnung.


Würde eine möglichst kurze Definition des Imperialismus verlangt, so müßte man sagen, daß der Imperialismus das monopolistische Stadium des Kapitalismus ist. Eine solche Definition enthielte die Hauptsache, denn auf der einen Seite ist das Finanzkapital das Bankkapital einiger weniger monopolistischer Großbanken, das mit dem Kapital monopolistischer Industriellenverbände verschmolzen ist, und auf der anderen Seite ist die Aufteilung der Welt der Übergang von einer Kolonialpolitik, die sich ungehindert auf noch von keiner kapitalistischen Macht eroberte Gebiete ausdehnt, zu einer Monopolpolitik der monopolistischen Beherrschung des Territoriums der restlos aufgeteilten Erde.


Doch sind allzu kurze Definitionen zwar bequem, denn sie fassen das Wichtigste zusammen, aber dennoch unzulänglich, sobald aus ihnen speziell die wesentlichen Züge der zu definierenden Erscheinung abgeleitet werden sollen. Deshalb muß man - ohne zu vergessen, daß alle Definitionen überhaupt nur bedingte und relative Bedeutung haben, da eine Definition niemals die allseitigen Zusammenhänge einer Erscheinung in ihrer vollen Entfaltung umfassen kann - eine solche Definition des Imperialismus geben, die folgende fünf seiner grundlegenden Merkmale enthalten würde: 1. Konzentration der Produktion und des Kapitals, die eine so hohe Entwicklungsstufe erreicht hat, daß sie Monopole schafft, die im Wirtschaftsleben die entscheidende Rolle spielen; 2. Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital und Entstehung einer Finanzoligarchie auf der Basis dieses "Finanzkapitals"; 3. der Kapitalexport, zum Unterschied vom Warenexport, gewinnt besondere Bedeutung; 4. es bilden sich internationale monopolistische Kapitalistenverbände, die die Welt unter sich teilen, und 5. die territoriale Aufteilung der Erde unter die kapitalistische Großmächte ist beendet. Der Imperialismus ist der Kapitalismus auf jener Entwicklungsstufe, wo die Herrschaft der Monopole und des Finanzkapitals sich herausgebildet, der Kapitalexport hervorragende Bedeutung gewonnen, die Aufteilung der Welt durch die internationalen Trusts begonnen hat und die Aufteilung des gesamten Territoriums der Erde durch die größten kapitalistischen Länder abgeschlossen ist . . .



Schlacht um den Weltmarkt - Krieg der Konzerne in der Triade

von Fred Schmid, aus: ISW-Forum 1991, isw-report Nr. 9/10 Dezember 1991

(...)

Weltmarkt-Triade


Die Situation ist heute dadurch gekennzeichnet, daß der Weltmarkt das Bestimmende ist, eine Marktwirtschaft nur als Welt-Marktwirtschaft existieren und funktionieren kann. Andererseits partizipiert nur ein Bruchteil der Menschheit an diesem Weltmarkt. Konkret erbringt und verkonsumiert ein knappes Viertel der Menschheit vier Fünftel der Weltwirtschaftsleistung (Welt-Bruttosozialprodukt). Nur für diesen Teil "funktioniert" der Weltmarkt als Markt. Der weitaus größte Teil der Weltbevölkerung ist de facto vom Weltmarkt abgekoppelt bzw. befindet sich im Status eines Zulieferers zu Zwangsbedingungen.


Dabei erfolgte in den vergangenen Jahren keine Angleichung, sondern die Kluft ist größer geworden, die Polarisierung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern hat zugenommen.


Das ist deshalb bemerkenswert, weil es sich dabei um die Phase des längsten Wirtschaftswachstums nach dem Krieg handelte. Mit anderen Worten: Die sog. Prosperitätsphase ist nur dem reichen Norden zugutegekommen, die "Dritte Welt" aber gehört zu den Weltmarkt-Verlierern. (Ausgeklammert bleibt hierbei die Polarisierung in den Industrieländern selbst.)


Geographisch betrachtet findet dieser Weltmarkt in der sogenannten Triade statt.


1. Triade

Bestandteile diese Dreiheit:

* Nord-Amerika: USA mit Kanada plus Mexico

* West-Europa: EG und EFTA-Länder ab 1993: EWR=Europäischer Wirtschaftsraum

* "Pazifisches Becken" (Pazifik-Anrainer): Japan und die 4 "Kleinen Tiger" (Süd-Korea, Taiwan, Hongkong und Singapur)

+ Australien und Neuseeland

+ Indonesien, Philippinen.

Tendenz: Regionalisierung d.h. Herausbildung von festen Wirtschaftsblöcken in den Triade- Zonen.


2. Multis

Beherrscht werden diese Regionalmärkte von den Großkonzernen, die dort ihren Sitz haben - allen voran die Großkonzerne der ökonomischen Führungsmächte in den Triade-Teilen: USA, Japan, Deutschland. Für diese Großkonzerne sind die Regionalmärkte gewissermaßen die "Heimatmärkte", wie es Siemens-Chef Kaske in Beziehung zur EG ausdrückte. Entscheidend für ihre Perspektive - für das Überleben im weltweiten Konkurrenzkampf- ist aber, ob sie sich zu wirklichen Multis- zu internationalen Konzernen - weiterentwickeln, d.h. zu Konzerngebilden, deren Absatz, Produktion und Investitionen globalisiert sind, und die zu sog. "global sourcing" in der Lage sind. Was bedeutet, Internationalisierung der Materialbeschaffung, des Zuliefersystems bis zur globalen Beschaffung hochqualifizierter Arbeitskräfte, insbesondere Techniker, Naturwissenschaftler, Entwickler. Kurz, bei denen die Internationalisierung der Mehrwertbeschaffung die bestimmende Erscheinung ist.


Nach Siemens-Kaske sind Großunternehmen künftig nur dann überlebensfähig, wenn sie in mindestens zwei Regionen der Triade fest verankert sind. Die Alternative ist: Entweder zum global player aufzurücken oder aus dem Weltmarkt verdrängt zu werden.


Neu ist m.E. wiederum das Tempo, in dem der Prozeß der Globalisierung und Herausbildung multinationaler Konzerne gegenwärtig abläuft. Das hängt einmal mit der relativen Sättigung der Märkte zusammen - zum anderen ist es die Folge der rasanten Entwicklung der Produktivkräfte. Hier nur ein paar Worte zum letztgenannten Faktor:


Die rasante Entwicklung der Produktivkräfte beschleunigt das Innovationstempo gerade in High-Tech-Branchen immer mehr. Damit verkürzen sich die Lebenszyklen der Produkte und infolgedessen auch die Amortisierungszeiträume. Nach einer Umfrage der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) "hat sich die durchschnittliche Produktlebensdauer zwischen 1974 und 1989 von knapp zwölf auf 6,5 Jahre fast halbiert".


Im Zusammenhang damit steigt der Forschungs- und Entwicklungsaufwand für den jeweils neuen Technologiesprung progressiv an. Siemens-Vorstand Knorr am Beispiel der Chip-Entwicklung:"In der Regel dürften die Investitionen für jede weitere Generation- also den 16-M und den 64-M-DRam - um den Faktor 1,5 höher sein". Ähnlich ist die Entwicklung in der Automobilindustrie. Beim Modellwechsel geben die japanischen Konzerne einen immer kürzeren Takt vor. Mercedes-Benz rechnet für jedes neue Modell mit einem Investitionsaufwand von ca. 4 Mrd. DM.


Zudem entscheiden oft wenige Monate Entwicklungsvorsprung bei einer Produkt-Generation über schwarze oder rote Zahlen. Mit dem Mega- und dem 4 Mega-Bit-Chip waren die Japaner jeweils einige Monate früher in der Serienreife und machten das Geschäft. Als die Konkurrenz nachzog, verfielen die Preise und Siemens z.B. schrieb Milliardenverluste.


Steigende Entwicklungsaufwendungen und schnellerer Auf- und Umbau von Produktionskapazitäten infolge der kürzeren Lebenszyklen erfordern Kapitalvorschüsse, die nur noch kapitalstarke Konzern-Giganten erbringen können. Um bei wachsender organischer Zusammensetzung des Kapitals die Vorleistungen wieder einzuspielen und eine angemessene Profitrate zu erzielen, müssen Produktion und Absatz enorm ausgeweitet werden. Inlandsmarkt und selbst ein Regionalmarkt der Triade reichen dazu in der Regel nicht mehr aus. Produktion und Absatz müssen global expandieren, um entsprechende Segmente des Weltmarktes zu erobern. Während das Kapital generell danach strebt, einen möglichst großen Weltmarktanteil zu erobern, sind im High-Tech-Bereich bestimmte Weltmarktanteile die Bedingung, um überhaupt überleben zu können. Im Bereich der Telekommunikation z.B. beziffert Siemens diese "kritische Größe" auf 15% Weltmarktanteil.


Multis operieren global, zugleich aber von ihrer sog. Heimatbasis aus. Canon-Chef Keizo Yamaji drückte das so aus:"Canon wird einen Doppelcharakter bekommen. Das Zentrum wird Japan bleiben. Dort wird die grundsätzliche Philosophie festgelegt. Doch das operationale Management in Europa und den USA wird zunehmend unabhängig agieren." Ähnliche Tendenzen sind in allen "Weltkonzernen" zu beobachten. Die Treue zum Herkunftsland hängt nicht nur mit der Eigentümerstruktur zusammen - die in der Regel bei den Multis national geblieben ist-, sondern vielmehr - und auch in Wechselwirkung dazu - mit dem staatlichen Potential, das für die Globalstrategie eingefordert wird, die sog. Heimatbasis. Diese ist mehr als der "Heimatmarkt". Sie umfaßt Infrastruktur und politische Rahmenbedingungen des Herkunftslandes, staatliches Forschungs- und Entwicklungspotential, Subventionen und staatliche Auftragsvergabe. Gerade letztere munitioniert nicht unerheblich die Kriegskassen z.B. von Siemens und Daimler-Benz, wenn man an die staatlichen Milliarden-Aufträge und -Anzahlungen im Bereich Post/Telekom, Bahn, Verkehr, Militär, Luft- und Raumfahrt und Energieunternehmen denkt.


Während der Staat sich von seinen sozialen Aufgaben immer mehr zurückzieht (Deregulierung, Privatisierung), nimmt die Rolle des Nationalstaats in dem oben beschriebenen Bereich eher noch zu. Gerade auch in der Bundesrepublik findet zur Zeit kein Abbau, sondern eher eine Umschichtung von Subventionen statt:"Industriepolitik" zugunsten der High-Tech-Industrien zu Lasten der Subventionierung der "alten Industrien" und Landwirtschaft, und Abbau von Sozial-Investitionen.



Aus dem Leben von Karl Marx

Aus: "Karl Marx" von W.I. Lenin, geschrieben: 1918


Karl Marx wurde am 5.Mai 1818 in Trier (Rheinpreußen) geboren. Sein Vater war Rechtsanwalt, ein Jude, der 1824 zum Protestantismus übertrat. Die Familie war wohlhabend, gebildet, jedoch nicht revolutionär. Nach Beendigung des Gymnasiums in Trier bezog Marx die Universität, erst in Bonn, dann in Berlin, und studierte Rechtswissenschaft, vor allem aber Geschichte und Philosophie. Er beendete 1841 die Universität mit einer Doktordissertation über die Philosophie Epikurs. Seinen Anschauungen nach war Marx zu dieser Zeit Hegelianer und Idealist. In Berlin gehörte er dem Kreis der "linken Hegelianer" (Bruno Bauer und andere) an, die aus der Hegelschen Philosophie atheistische und revolutionäre Schlußfolgerungen zu ziehen suchten.


Nach beendetem Universitätsstudium übersiedelte Marx, auf eine Professur rechnend, nach Bonn. Allein die reaktionäre Politik der Regierung, die Ludwig Feuerbach 1832 um den Lehrstuhl gebracht, 1836 erneut seine Zulassung zur Universität verweigert und 1841 dem jungen Professor Bruno Bauer in Bonn das Vorlesungsrecht entzogen hatte, zwang Marx zum Verzicht auf die Gelehrtenlaufbahn. Die Entwicklung der Ansichten der linken Hegelianer in Deutschland machte zu dieser Zeit sehr rasche Fortschritte. Ludwig Feuerbach insbesondere begann von 1836 an die Theologie zu kritisieren und sich dem Materialismus zuzuwenden, der schließlich 1841 sein Denken völlig beherr- schte ("Das Wesen des Christentums"); 1843 erschienen seine "Grundsätze der Philosophie der Zukunft". "Man muß die befreiende Wirkung" dieser Bücher "selbst erlebt haben", schrieb Engels später über diese Feuerbachschen Schriften. "Wir" (d.h. die linke Hegelianer, darunter auch Marx) "waren alle momentan Feuerbachianer".


Zu dieser Zeit wurde in Köln von radikalen Bürgern des Rheinlands, die Berührungspunkte mit den linken Hegelianern hatten, ein oppositionelles Blatt gegründet: die "Rheinische Zeitung" (sie begann am 1.Januar 1842 zu erscheinen). Marx und Bruno Bauer wurden als Hauptmitarbeiter herangezogen; im Oktober 1842 wurde Marx Chefredakteur und übersiedelte von Bonn nach Köln. Die revolutionär-demokratische Richtung der Zeitung wurde unter der Redaktion von Marx immer bestimmter; die Regierung unterwarf sie zunächst einer doppelten und dreifachen Zensur und beschloß schließlich die gänzliche Unterdrückung der Zeitung am 1. Januar 1843. Marx sah sich daraufhin zur Niederlegung seines Redakteurpostens genötigt, aber sein Abgang rettete die Zeitung auch nicht, und sie mußte im März 1843 ihr Erscheinen einstellen. Unter den von Marx in der "Rheinischen Zeitung" veröffentlichten größeren Artikeln hebt Engels außer den weiter unten angegebenen auch den über die Lage der Winzer im Moseltal hervor. Die journalistische Tätigkeit hatte Marx gezeigt, daß er mit der politischen Ökonomie nicht genügend vertraut war, und er machte sich daher eifrig an ihr Studium.


Im Jahre 1843 vermählte sich Marx in Kreuznach mit Jenny von Westphalen, seiner Jugendfreundin, mit der er schon als Student verlobt war. Seine Frau entstammte einer reaktionären preußischen Adelsfamilie. Ihr älterer Bruder war preußischer Innenminister in einer der reaktionärsten Epochen, 1850-1858. Im Herbst 1843 übersiedelte Marx nach Paris, um im Ausland, gemeinsam mit Arnold Ruge (1802-1880); (linker Hegelianer, 1825 bis 1830 im Gefängnis, nach 1848 Emigrant; nach 1866-1870 Bismarckianer) eine radikale Zeitschrift herauszugeben. Es erschien nur das erste Heft dieser Zeitschrift, der "Deutsch-Französischen Jahrbücher". Schwierigkeiten bei ihrer geheimen Verbreitung in Deutschland und Meinungsverschiedenheiten mit Ruge führten zu ihrer Einstellung. In seinen in dieser Zeitschrift veröffentlichten Aufsätzen tritt Marx bereits als Revolutionär auf, der die "rücksichtslose Kritik alles Bestehenden" und im besonderen die "Kritik der Waffen" verkündete, der an die Massen und an das Proletariat appelliert.

Im September 1844 kam für einige Tage Friedrich Engels nach Paris und wurde seit dieser Zeit der nächste Freund von Marx. Beide nahmen gemeinsam den lebhaftesten Anteil an dem damals sehr regen Leben der revolutionären Gruppen in Paris (von besonderer Bedeutung war die Lehre Proudhons, mit der Marx in seinem "Elend der Philosophie", 1847, entschieden abrechnete). In scharfem Kampf gegen die verschiedenen Lehren des kleinbürgerlichen Sozialismus arbeiteten sie die Theorie und Taktik des revolutionären proletarischen Sozialismus oder Kommunismus (Marxismus) aus. (Siehe die Marx'schen Schriften aus dieser Epoche, 1844 bis 1848). Im Jahre 1845 wurde Marx auf Betreiben der preußischen Regierung als gefährlicher Revolutionär aus Paris ausgewiesen. Er verlegte seinen Wohnsitz nach Brüssel. Im Frühjahr 1847 schlossen sich Marx und Engels einer geheimen Propagandagesellschaft an, dem "Bund der Kommunisten", nahmen hervorragenden Anteil am II. Kongreß dieses Bundes (November 1847 in London) und verfaßten in seinem Auftrag das berühmte, im Februar 1848 erschienene "Manifest der Kommunistischen Partei". Mit genialer Klarheit und Ausdruckskraft ist in diesem Werk die neue Weltanschauung umrissen: der konsequente, auch das Gebiet des gesellschaftlichen Lebens umfassende Materialismus, die Dialektik als die umfassendste und tiefste Lehre von der Entwicklung, die Theorie des Klassenkampfes und der welthistorischen revolutionären Rolle des Proletariats, des Schöpfers einer neuen, der kommunistischen Gesellschaft.


Als die Februarrevolution von 1848 ausbrach, wurde Marx aus Belgien ausgewiesen. Er kam wieder nach Paris, ging aber von hier nach der Märzrevolution nach Deutschland, und zwar nach Köln. Dort erschien vom 1. Juni 1848 bis zum 19. Mai 1849 die "Neue Rheinische Zeitung"; ihr Chefredakteur war Marx. Die neue Theorie wurde durch den Verlauf der revolutionären Ereignisse von 1848/1849 glänzend bestätigt, wie sie auch später durch alle proletarischen und demokratischen Bewegungen in allen Ländern der Welt bestätigt worden ist. Von der siegreichen Konterrevolution wurde Marx zunächst vor Gericht gestellt (am 9. Februar 1849 freigesprochen) und dann aus Deutschland ausgewiesen (16. Mai 1849). Marx begab sich zuerst nach Paris, wurde nach der Demonstration vom 13. Juni 1849 auch von dort ausgewiesen und zog nach London, wo er bis zu seinem Tode lebte.


Die Bedingungen des Emigrantenlebens, die durch den Briefwechsel von Marx und Engels (herausgegeben 1913) besonders anschaulich aufgedeckt werden, waren äußerst schwer. Die Not lastete geradezu erdrückend auf Marx und seiner Familie, ohne die ständige aufopfernde finanzielle Unterstützung Engels wäre Marx nicht nur außerstande gewesen, das "Kapital" zu beenden, er wäre auch unvermeidlich in Not und Elend zugrunde gegangen.


Außerdem war Marx durch die vorherrschenden Lehren und Strömungen des kleinbürgerlichen und überhaupt des nichtproletarischen Sozialismus ständig zu schonungslosem Kampf, zuweilen zur Abwehr der gehässigsten und absurdesten persönlichen Angriffe genötigt ("Herr Vogt"). Marx hielt sich abseits von den Emigrantenzirkeln und arbeitete in einer Reihe von historischen Schriften seine materialistische Theorie aus; mit besonderem Eifer widmete er sich dem Studium der politischen Ökonomie. Marx revolutionierte diese Wissenschaft (siehe weiter unten die Marxsche Lehre) in seinen Werken "Zur Kritik der politischen Ökonomie" (1859) und "Das Kapital" (Bd. I, 1867).


Die Epoche des Neuauflebens der demokratischen Bewegungen Ende der fünfziger und in den sechziger Jahren rief Marx erneut zu praktischer Tätigkeit. 1864 (am 28. September) wurde in London die berühmte I. Internationale gegründet, die "Internationale Arbeiterassoziation". Marx war die Seele dieser Organisation, Verfasser ihrer ersten "Adresse" und einer langen Reihe von Resolutionen, Erklärungen und Manifesten. Indem Marx die Arbeiterbewegung der verschiedenen Länder zusammenfaßte und die verschiedenen Formen des nichtproletarischen, vormarxistischen Sozialismus (Mazzini, Proudhon, Bakunin, der englische liberale Trade-Unionismus, die lasalleanischen Rechtsschwankungen in Deutschland u.dgl.m.) in die Bahnen gemeinsamen Handelns zu lenken suchte, wobei er die Theorien aller dieser Sekten und Schulen bekämpfte, schmiedete er eine einheitliche Taktik des proletarischen Kampfes der Arbeiterklasse der verschiedenen Länder. Nach dem Fall der Pariser Kommune (1871), die Marx (im "Bürgerkrieg in Frankreich" 1871) so tief, treffend, glänzend, wirksam und in revolutionärem Geiste gewürdigt hat, und nach der Spaltung der Internationale durch die Bakunisten, war ihr Fortbestehen in Europa unmöglich geworden. Nach dem Haager Kongreß der Internationale (1872) setzte Marx die Verlegung des Generalrats der Internationale nach New York durch. Die I. Internationale hatte ihre historische Rolle erfüllt, sie räumte das Feld für eine Epoche unvergleichlich größeren Wachstums der Arbeiterbewegung in allen Ländern der Welt: die Epoche ihrer Entwicklung in die Breite, der Schaffung sozialistischer Massenparteien der Arbeiter auf dem Boden einzelner Nationalstaaten.


Die angestrengte Tätigkeit in der Internationale und die noch angestrengteren theoretischen Studien untergruben endgültig Marx' Gesundheit. Er setzte seine Neubearbeitung der politischen Ökonomie und die Fertigstellung des "Kapitals" fort, sammelte zu diesem Zweck eine Menge neuer Materialien und studierte mehrere Sprachen (z.B. die russische); doch Krankheit hinderte ihn, das "Kapital" zu vollenden.


Am 2. Dezember 1881 starb seine Frau. Am 14. März 1883 entschlief Marx still in seinem Lehnstuhl. Er ist neben seiner Frau auf dem Highgate-Friedhof in London beigesetzt. Von Marx' Kindern starben einige im zarten Alter in London, als die Familie große Not litt. Die drei Töchter verheirateten sich mit englischen und französischen Sozialisten: Eleanor Aveling, Laura Lafargue und Jenny Longuet. Der Sohn der letztern ist Mitglied der französischen Sozialistischen Partei.


Aus dem Leben von Friedrich Engels

Aus: "Friedrich Engels", von W.I. Lenin, geschrieben: Herbst 1895

(...)

Engels wurde 1820 in der Stadt Bremen in der zum Königreich Preußen gehörenden Rheinprovinz geboren. Sein Vater war Fabrikant. Im Jahre 1838 sah sich Engels durch Familienverhältnisse gezwungen, das Gymnasium vorzeitig zu verlassen und als Angestellter in ein Bremer Handelshaus einzutreten. Die kaufmännische Berufstätigkeit hinderte Engels nicht, an seiner wissenschaftlichen und politischen Bildung zu arbeiten. Schon als Gymnasiast hatte er den Absolutismus und die Beamtenwillkür hassen gelernt. Das Studium der Philosophie führte ihn weiter. Damals herrschte in der deutschen Philosophie die Lehre Hegels, und Engels wurde ihr Anhänger. Obwohl Hegel selber ein Anbeter des absolutistischen preußischen Staates war, in dessen Diensten er als Professor der Berliner Universität stand, war die Lehre Hegels revolutionär. Hegels Glaube an die menschliche Vernunft und ihre Rechte sowie die Grundthese der Hegelschen Philosophie, daß sich in der Welt ein ständiger Änderungs- und Entwicklungsprozeß vollziehe, brachten diejenigen Schüler des Berliner Philosophen, die sich mit der gegebenen Wirklichkeit nicht abfinden wollten, auf den Gedanken, daß auch der Kampf gegen diese Wirklichkeit, der Kampf gegen das bestehende Unrecht und das herrschende Übel im Weltgesetz der ewigen Entwicklung begründet sei. Wenn alles sich entwickelt, wenn die einen Einrichtungen durch andere abgelöst werden, warum sollen dann das autokratische Regiment des preußischen Königs oder des russischen Zaren, die Bereicherung einer verschwindenden Minderheit auf Kosten der überwältigenden Mehrheit, die Herrschaft der Bourgeoisie über das Volk ewig währen? Hegels Philosophie sprach von einer Entwicklung des Geistes und der Ideen, sie war eine idealistische Philosophie. Aus der Entwicklung des Geistes leitete sie die Entwicklung der Natur, des Menschen und der menschlichen Beziehungen, der gesellschaftlichen Verhältnisse ab. Marx und Engels, die den Hegelschen Begriff des ewigen Entwicklungsprozesses bewahrten, verwarfen die vorgefaßte idealistische Anschauung; sie wandten sich dem Leben zu und erkannten, daß nicht die Entwicklung des Geistes die Entwicklung der Natur erklärt, sondern umgekehrt, daß der Geist aus der Natur, aus der Materie zu erklären ist. Im Gegensatz zu Hegel und anderen Hegelianern waren Marx und Engels Materialisten. Sie betrachteten die Welt und die Menschen vom materialistischen Standpunkt aus und erkannten, daß, ebenso wie allen Naturerscheinungen materielle Ursachen zugrunde liegen, auch die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft durch die Entwicklung materieller Kräfte, der Produktivkräfte, bedingt ist. Von der Entwicklung der Produktivkräfte hängen die Verhältnisse ab, die die Menschen bei der Erzeugung der zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse notwendigen Güter eingehen. In diesen Verhältnissen aber liegt die Erklärung für die Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens, der menschlichen Bestrebungen, Ideen und Gesetze. Die Entwicklung der Produktivkräfte erzeugt gesellschaftliche Verhältnisse, die sich auf das Privateigentum gründen, jetzt aber sehen wir, wie eben diese Entwicklung der Produktivkräfte die Mehrheit der Menschen ihres Eigentums beraubt und es in den Händen einer verschwindenden Minderheit zusammenballt. Diese Entwicklung der Produktivkräfte vernichtet das Eigentum, die Grundlage der modernen Gesellschaftsordnung, sie strebt selber dem gleichen Ziel zu, das sich die Sozialisten gesteckt haben. Die Sozialisten müssen nur verstehen, welche gesellschaftliche Kraft infolge ihrer Stellung in der modernen Gesellschaft an der Verwirklichung des Sozialismus interessiert ist, und dieser Kraft ihre Interessen und ihre historische Mission zum Bewußtsein bringen. Diese Kraft ist das Proletariat. Engels lernte es kennen in England, in Manchester, dem Zentrum der englischen Industrie, wohin er 1842 übergesiedelt war, um als Angestellter in das Handelshaus einzutreten, dem sein Vater als Teilhaber angehörte. Engels verbrachte hier seine Zeit nicht nur im Fabrikkontor. Er durchwanderte die schmutzigen Stadtviertel, wo die Arbeiter hausten, und sah mit eigenen Augen ihr Elend und ihre Not. Aber er begnügte sich nicht mit persönlichen Beobachtungen; er las alles, was vor ihm über die Lage der englischen Arbeiterklasse geschrieben worden war, er studierte sorgfältig alle ihm zugänglichen amtlichen Dokumente. Die Frucht dieser Studien und Beobachtungen war das 1845 erschienene Buch "Die Lage der arbeitenden Klasse in England". Wir haben oben bereits erwähnt, worin das Hauptverdienst von Engels als dem Verfasser der "Lage der arbeitenden Klasse in England" besteht. Auch vor Engels hatten sehr viele die Leiden des Proletariats geschildert und auf die Notwendigkeit hingewiesen, ihm zu helfen. Engels aber hat als erster gesagt, daß das Proletariat nicht nur eine leidende Klasse ist; daß gerade die schmachvolle wirtschaftliche Lage, in der sich das Proletariat befindet, es unaufhaltsam vorwärtstreibt und es zwingt, für seine endgültige Befreiung zu kämpfen. Das kämpfende Proletariat aber wird sich selbst helfen. Die politische Bewegung der Arbeiterklasse wird die Arbeiter unvermeidlich zu der Erkenntnis führen, daß es für sie keinen anderen Ausweg gibt als den Sozialismus. Andererseits wird der Sozialismus nur dann eine Macht, wenn er zum Ziel des politischen Kampfes der Arbeiterklasse geworden ist. Das sind die Grundgedanken des Buches von Engels über die Lage der Arbeiterklasse in England. Gedanken, die sich heute das gesamte denkende und kämpfende Proletariat zu eigen gemacht hat, die aber damals völlig neu waren. Diese Gedanken wurden in einem hinreißend geschriebenen Buch niedergelegt, das voll ist von wahrheitsgetreuen und erschütternden Bildern aus dem Elendsleben des englischen Proletariats. Dieses Buch war eine furchtbare Anklage gegen den Kapitalismus und die Bourgeoisie. Der Eindruck, den es hervorrief, war sehr stark. Man begann sich allenthalben auf das Buch von Engels zu berufen als auf die beste Darstellung der Lage des modernen Proletariats. In der Tat: weder vor 1845 noch später ist eine so eindrucksvolle und wahrheitsgetreue Schilderung der Notlage der Arbeiterklasse erschienen.


Zum Sozialisten wurde Engels erst in England. Er trat in Manchester mit den Führern der damaligen englischen Arbeiterbewegung in Verbindung und begann in der englischen sozialistischen Presse mitzuarbeiten. Als Engels im Jahre 1844 nach Deutschland zurückkehrte, wurde er auf der Durchreise in Paris mit Marx bekannt, mit dem er schon früher in Briefwechsel gestanden hatte. Marx war in Paris unter dem Einfluß der französischen Sozialisten und des französischen Lebens ebenfalls zum Sozialisten geworden. Hier schrieben die Freunde gemeinsam das Buch "Die heilige Familie, oder Kritik der kritischen Kritik". Dieses Buch, das ein Jahr vor der "Lage der arbeitenden Klasse in England" erschien und zum größten Teil von Marx geschrieben ist, enthält die Grundlagen des revolutionär-materialistischen Sozialismus, dessen Hauptgedanken wir oben dargelegt haben. "Die heilige Familie", das ist eine scherzhafte Bezeichnung für die Philosophen Gebrüder Bauer und ihre Anhänger. Diese Herren predigten eine Kritik, die über jeder Wirklichkeit steht, über den Parteien und der Politik, die jede praktische Tätigkeit verneint und sich damit begnügt, die Umwelt und die in ihr vor sich gehenden Ereignisse "kritisch" zu betrachten. Die Herren Bauer urteilten über das Proletariat von oben herab, als über eine unkritische Masse. Dieser unsinnigen und schädlichen Richtung traten Marx und Engels entschieden entgegen. Im Namen der wahren menschlichen Persönlichkeit, des von den herrschenden Klassen und vom Staate getretenen Arbeiters, fordern sie statt der Betrachtung den Kampf für eine bessere Gesellschaftsordnung. Die zu diesem Kampf fähige und an ihm interessierte Kraft sehen sie natürlich im Proletariat. Engels hatte schon vor der "Heiligen Familie", in den von Marx und Ruge herausgegebenen "Deutsch-Französischen Jahrbüchern", seine "Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie" veröffentlicht, in denen er vom sozialistischen Standpunkt aus die grundlegenden Erscheinungen der modernen Wirtschaftsordnung als zwangsläufige Folgen der Herrschaft des Privateigentums untersuchte. Der Umgang mit Engels trug zweifellos dazu bei, daß Marx den Entschluß faßte, sich mit der politischen Ökonomie zu befassen, jener Wissenschaft, in der seine Werke dann eine wahre Umwälzung hervorgerufen haben.


Die Zeit von 1845 bis 1847 verbrachte Engels in Brüssel und Paris, wo er wissenschaftliche Studien mit praktischer Tätigkeit unter den deutschen Arbeitern dieser beiden Städte verband. Hier knüpften Engels und Marx Beziehungen an zu dem geheimen deutschen "Bund der Kommunisten", der ihnen den Auftrag gab, die Grundprinzips des von ihnen ausgearbeiteten Sozialismus darzulegen. So entstand das im Jahre 1848 veröffentliche berühmte "Manifest der Kommunistischen Partei" von Marx und Engels. Dieses kleine Büchlein wiegt ganze Bände auf: Sein Geist beseelt und bewegt bis heute das gesamte organisierte und kämpfende Proletariat der zivilisierten Welt.


Die Revolution von 1848, die zuerst in Frankreich ausbrach und dann auch auf andere Länder Westeuropas übergriff, führte Marx und Engels in die Heimat zurück. Hier, in Rheinpreußen, leiteten sie die demokratische "Neue Rheinische Zeitung", die in Köln herausgegeben wurde. Die beiden Freunde waren die Seele aller revolutionär-demokratischen Bestrebungen in Rheinpreußen. Sie verteidigten bis zuletzt die Interessen des Volkes und der Freiheit gegen die Kräfte der Reaktion. Diese gewannen bekanntlich die Oberhand. Die "Neue Rheinische Zeitung" wurde verboten, und Marx, der während seines Emigrantenlebens die Rechte eines preußischen Staatsangehörigen verloren hatte, wurde ausgewiesen; Engels jedoch nahm an dem bewaffneten Volksaufstand teil, kämpfte in drei Gefechten für die Freiheit und flüchtete nach der Niederlage der Aufständischen über die Schweiz nach London.


Auch Marx ließ sich in London nieder. Engels wurde bald wieder Angestellter und später Teilhaber des Handelshauses in Manchester, in welchem er schon in den vierziger Jahren tätig gewesen war. Bis 1870 lebte er in Manchester und Marx in London, was sie nicht hinderte, den lebhaftesten geistigen Verkehr zu pflegen: fast täglich wechselten sie Briefe. In diesem Briefwechsel tauschten die Freunde ihre Ansichten und Kenntnisse aus und arbeiteten gemeinsam an der Fortentwicklung des wissenschaftlichen Sozialismus. Im Jahre 1870 siedelte Engels nach London über, und bis 1883, bis zum Tode von Marx, währte ihr von angestrengter Arbeit erfülltes gemeinsames geistiges Leben. Die Frucht dieser Arbeit war - was Marx anbelangt - "Das Kapital", das größte Werk unseres Zeitalters auf dem Gebiet der politischen Ökonomie, und, was Engels betrifft, eine ganze Reihe größerer und kleinerer Schriften. Marx arbeitete an der Untersuchung der komplizierten Erscheinungen der kapitalistischen Wirtschaft. Engels beleuchtete in außerordentlich flüssig geschriebenen, oft polemischen Arbeiten die allgemeinsten wissenschaftlichen Fragen und die verschiedensten Erscheinungen der Vergangenheit und Gegenwart im Geiste der materialistischen Geschichtsauffassung und der ökonomischen Theorie von Marx. Von diesen Engels'schen Arbeiten seien genannt: die polemische Schrift gegen Dühring (in ihr werden die tiefsten Probleme der Philosophie, der Natur- und Gesellschaftswissenschaft untersucht), "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates" (russische Übersetzung in 3. Auflage, St.Petersburg 1895), "Ludwig Feuerbach" (russische Übersetzung im Genfer "Sozial-Demokrat" Nr. 1 und 2), die ausgezeichneten Artikel über die Wohnungsfrage und schließlich zwei kleine, aber sehr wertvolle Artikel über die ökonomische Entwicklung Rußlands ("Friedrich Engels über Rußland", ins Russische übertragen von W.I., Sassulitsch, Genf 1894). Marx starb, ohne sein gewaltiges Werk über das Kapital in endgültiger Form bearbeitet zu haben. Im Rohentwurf war es jedoch schon fertig. Und nun machte sich Engels nach dem Tode seines Freundes an die schwere Arbeit, Band II und III des "Kapitals" zu bearbeiten und herauszugeben. Im Jahre 1895 gab er Band II, 1894 Band III heraus (zur Bearbeitung von Band IV kam er nicht mehr). Die Herausgabe dieser beiden Bände erforderte außerordentlich viel Arbeit. Der österreichische Sozialdemokrat Adler hat mit Recht gesagt, Engels habe seinem genialen Freund mit der Herausgabe von Band II und III des "Kapitals" ein großartiges Denkmal gesetzt, auf dem er, ohne es beabsichtigt zu haben, seinen eigenen Namenszug mit unauslöschlichen Lettern eingetragen hat. In der Tat, diese beiden Bände des "Kapitals" sind das Werk von zweien: von Marx und von Engels. Antike Sagen berichten von manchen rührenden Beispielen der Freundschaft. Das europäische Proletariat kann sagen, daß seine Wissenschaft von zwei Gelehrten und Kämpfern geschaffen worden ist, deren Verhältnis die rührendsten Sagen der Alten über menschliche Freundschaft in den Schatten stellt. Engels hat stets - und im allgemeinen durchaus mit Recht - Marx den Vorrang gegeben. Einem alten Freund schrieb er: "Bei Marx' Lebzeiten habe ich die zweite Violine gespielt". Seine Liebe zu dem lebenden Marx und seine Ehrfurcht vor dem Andenken des Verstorbenen waren grenzenlos. Dieser harte Kämpfer und strenge Denker konnte aus tiefstem Herzen lieben.


Nach der Bewegung von 1848/1849 beschäftigten sich Marx und Engels im Exil nicht nur mit wissenschaftlichen Arbeiten. Marx gründete 1864 die "Internationale Arbeiterassoziation" und leitete diese Vereinigung im Laufe eines vollen Jahrzehnts. Auch Engels nahm an ihrer Arbeit lebhaften Anteil. Die Tätigkeit der "Internationalen Arbeiterassoziation", die nach dem Plane von Marx die Proletarier aller Länder vereinigen sollte, war für die Entwicklung der Arbeiterbewegung von ungeheurer Tragweite. Aber auch nach der Auflösung der "Internationalen Arbeiterassoziation" in den siebziger Jahren hörten Marx und Engels nicht auf, als Einiger der Arbeiterklasse zu wirken. Im Gegenteil: man könnte sagen, daß ihre Bedeutung als geistige Führer der Arbeiterbewegung immer größer wurde, weil auch die Bewegung selbst ununterbrochen wuchs. Nach dem Tode von Marx war es Engels allein, der fortfuhr, als Berater und Führer der europäischen Sozialisten zu wirken. Sowohl die deutschen Sozialisten, deren Kraft trotz der Regierungsverfolgungen schnell und ununterbrochen zunahm, als auch die Vertreter zurückgebliebener Länder, beispielsweise Spanien, Rumänen, Russen, die ihre ersten Schritte überlegen und erwägen mußten, wandten sich an ihn um Rat und Anleitung. Sie alle schöpften aus der reichen Schatzkammer der Kenntnisse und Erfahrungen des alten Engels.


Pariser Kommune

Aus: Wörterbuch der Geschichte, Dietz Verlag 1984


Erste proletarische Revolution (18.März - 28.Mai 1871). Die von der großbürgerlichen Regierung unter Louis-Adolphe Thiers gegenüber den preußisch-dt. Eroberern betriebene Politik des nationalen Verrats während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 führte zur Herausbildung einer revolutionären Situation. Zur treibenden Kraft der revolutionären Bewegung wurde die in der Pariser Arbeiterbevölkerung fest verwurzelte Nationalgarde von Paris. Die Revolution wurde am 18.März durch den Versuch der Regierung von Thiers, die Geschütze der Nationalgarde zu rauben, ausgelöst. Im Gefolge dieser Provokation wurden die Regierungstruppen von der Nationalgarde und den sie unterstützenden Volksmassen zum fluchtartigen Rückzug aus Paris gezwungen. Die Macht in Paris übernahm das Zentralkomitee der Nationalgarde, das in seiner Mehrheit die Pariser Arbeiterklasse repräsentierte. Am 26. März fanden Wahlen statt; am 29.März konstituierte sich die P.K. An ihrer Spitze stand der Rat der Kommune. Seine Mitglieder waren in der Mehrzahl Arbeiter oder anerkannte Vertreter von Arbeiterinteressen. Das stehende Heer wurde aufgelöst und durch die allgemeine Volksbewaffnung ersetzt; die Staatsfunktionäre wurden gewählt, waren ihren Wählern rechenschaftspflichtig und absetzbar; die Trennung von legislativer und exekutiver Gewalt wurden beseitigt; im Interesse der Werktätigen wurde wesentliche soziale Reformen durchgeführt (z.B. Abschaffung des Mietwuchers, Rückgabe verpfändeter Arbeitsgeräte, Abschaffung des Geldsystems in den Werkstätten, Verbot der Nachtarbeit für bestimmte Berufsgruppen). Besonders wichtig war das Dekret über die Übernahme der von ihren Besitzern verlassenen Werkstätten durch Arbeitsgenossenschaften. Durch diese und andere Maßnahmen wurde der alte bürgerliche Staatsapparat zerschlagen, wurden die Grundlagen für die Entwicklung der proletarischen Staatsmacht geschaffen. Die objektiven und die subjektiven Bedingungen war jedoch noch nicht ausgereift, so daß die P.K. nur Keime der Diktatur des Proletariats entwickeln und die Umgestaltung der Gesellschaft nur in begrenzten Umfang beginnen konnte. (...)


Das Fehlen einer revolutionären Arbeiterpartei mit einer wissenschaftlich begründeten Konzeption für den Kampf war die entscheidende Schwäche der P.K. Mit aktiver Beihilfe der preußisch-dt. Okkupanten stellte die Regierung Thiers eine Armee zur Eroberung von Paris auf und begann am 2.April mit der Offensive. Trotz heldenmütiger Verteidigung der Kommunarden gelang es am 21.Mai den militärisch weit überlegenen Truppen der Konterrevolution, in die Stadt einzudringen. Im Verlauf der "blutigen Maiwoche" wurden 30.000 Kommunarden ermordet, 60.000 gefangengesetzt oder zur Zwangsarbeit deportiert. Die P.K. fand von Anfang an unter den klassenbewußten Arbeitern anderer Länder Unterstützung.



Aus: "DIE LEHREN DER KOMMUNE", von W.I. Lenin

geschrieben: 1908


In der Vereinigung sich widersprechender Aufgaben - des Patriotismus und des Sozialismus - lag der verhängnisvolle Fehler der französischen Sozialisten. Bereits im Manifest der Internationalen, im September 1870, warnte Marx das französische Proletariat davor, sich von der trügerischen nationalen Idee hinreißen zu lassen: Seit der Großen Revolution haben sich tiefgreifende Wandlungen vollzogen, die Klassengegensätze haben sich verschärft, und wenn damals der Kampf gegen die Reaktion ganz Europas die gesamte revolutionäre Nation zusammengeschweißt hat, so darf das Proletariat nunmehr seine Interessen schon nicht mehr mit den Interessen anderer, ihm feindlicher Klassen verbinden; möge die Bourgeoisie die Verantwortung für die nationale Erniedrigung tragen - Sache des Proletariats ist es, für die sozialistische Befreiung der Arbeit vom Joch der Bourgeoisie zu kämpfen.


Und in der Tat: Das wahre Wesen des bürgerlichen "Patriotismus" trat gar bald zutage. Nach dem Abschluß des schmachvollen Friedens mit den Preußen wandte sich die Versailler Regierung ihrer unmittelbaren Aufgabe zu - und unternahm einen Vorstoß gegen die von ihr so gefürchtete Bewaffnung des Pariser Proletariats. Die Arbeiter antworteten mit der Ausrufung der Kommune und dem Bürgerkrieg.


Obwohl das sozialistische Proletariat in viele Sekten gespalten war, gab die Kommune ein glänzendes Beispiel dafür, wie es das Proletariat versteht, einmütig die demokratischen Aufgaben zu lösen, die die Bourgeoisie nur zu proklamieren fähig war. Ohne jede besondere komplizierte Gesetzgebung, einfach und sachlich, führte das Proletariat, nachdem es die Macht ergriffen hatte, die Demokratisierung der Gesellschaftsordnung durch; es beseitigte die Bürokratie und führte die Wählbarkeit der Beamten durch das Volk ein.


Zwei Fehler machten jedoch die Früchte des glänzenden Sieges zunichte. Das Proletariat blieb auf halben Wege stehen: statt zur "Expropriation der Expropriateure" zu schreiten, gab es sich Träumen darüber hin, daß in dem durch die gesamtnationale Aufgabe geeinigten Lande die höchste Gerechtigkeit Wirklichkeit werde. Solche Einrichtungen wie zum Beispiel die Bank wurden nicht in Besitz genommen, unter den Sozialisten herrschten noch die proudhonistischen Theorien des "gerechten Tausches" usw. Der zweite Fehler war der übermäßige Großmut des Proletariats: Es hätte seine Feinde vernichten müssen, statt dessen aber bemühte es sich, sie moralisch zu beeinflussen; es unterschätzte die Bedeutung rein militärischer Aktionen im Bürgerkrieg; und statt seinen Pariser Sieg durch einen entschlossenen Angriff auf Versaille zu krönen, zögerte es und gab der Versailler Regierung Zeit, die Kräfte der Finsternis zu sammeln und zur blutigen Maiwoche zu rüsten.


Kurzbiographie: Wladimir Iljitsch Lenin


Eigentlich Uljanow, 22.4.1870 bis 21.1.1924, Führer, Theoretiker und Lehrer der Werktätigen aller Länder, Begründer der KPdSU, der Kommunistischen Internationale und des ersten sozialistischen Staates der Erde. Schon während des Jurastudiums wurde Lenin zum Kenner des Marxismus und überzeugten Revolutionär. Nach Ablegung des Staatsexamens 1891 wandte er sich ganz der revolutionären Arbeit zu, 1893 übersiedelte er nach Petersburg, wo er Führer der Marxisten und der Arbeiterbewegung wurde.


In seinem Werk "Was sind die 'Volksfreunde' und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten" (1894) setzte er sich mit den Volkstümlern auseinander und begründete die Notwendigkeit der revolutionären marxistischen Partei des Proletariats. 1895 faßte er alle marxistischen Zirkel Petersburgs zum "Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse" zusammen. In der sibirischen Verbannung vollendete er sein Buch "Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland" (1899) und faßte den Plan, die Organisierung der Partei mit der Herausgabe einer illegalen Zeitung zu beginnen. 1900 emigrierte er ins Ausland. 1901 erschien die erste Nummer der "Iskra". Der Schaffung der revolutionären Partei neuen Typus diente auch Lenins Buch "Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung"(1902).


1903 fand der II. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands (SDAPR) statt. Dort kam es im Kampf um die von Lenin vertretenen Prinzipien der Partei neuen Typus zur Spaltung zwischen dem opportunistischen Flügel (Menschewiki) und den Bolschewiki. Den Opportunismus der Menschewiki entlarvte Lenin in seinem Buch "Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück" (1904). Die Strategie und Taktik der Bolschewiki in der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1905 legte Lenin in seinem Werk "Zwei Taktiken der Sozialdemokratie" in der demokratischen Revolution (1905) dar. Er formulierte darin erstmals die Besonderheiten der bürgerlich-demokratischen Revolution im Imperialismus. Die Niederlage der Revolution zwang Lenin erneut in die Emigration. In seinem Buch "Materialismus und Empiriokritizismus" (1909) verteidigte er die marxistische Philosophie und entwickelte sie weiter. In der II. Internationale kämpfte er gegen den Opportunismus und hielt während der Kongresse von Stuttgart (1907) und Kopenhagen (1910) Beratungen zum Zusammenschluß der Linken ab.


Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges organisierte Lenin in der Schweiz den Kampf der Bolschewiki und der proletarischen Internationalisten unter der Losung "Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg". In dem Werk "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus" (1916) entwickelte er die politische Ökonomie weiter und charakterisierte den Imperialismus als Vorabend der proletarischen Revolution.


Nach dem Sturz des Zarismus durch die Februarrevolution 1917 kehrte Lenin nach Rußland zurück. In den "Aprilthesen" entwickelte er den Plan des Kampfes für den Übergang zur sozialistischen Revolution. Zeitweilige Erfolge der Konterrevolution ließen Lenin erneut in die Illegalität gehen. Hier schrieb er die Werke "Staat und Revolution", "Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll" und "Werden die Bolschewiki die Staatsmacht behaupten?" (alle 1917). Anfang Oktober kehrte Lenin nach Petrograd zurück, setzte im ZK die Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes durch, der in der Nacht zum 7.11. in Petrograd siegte und damit den Sieg der Oktoberrevolution entschied.


Der II. Gesamtrussische Sowjetkongreß beschloß den Übergang der gesamten Staatsmacht an die Sowjets und bildete die Arbeiter-und-Bauern-Regierung unter Vorsitz Lenins, die den Kampf Sowjetrußlands gegen die innere Konterrevolution und die ausländische Intervention leitete. Lenins Kampf um den Zusammenschluß der revolutionären Elemente in der internationalen Arbeiterbewegung führte zur Gründung der III., der Kommunistischen Internationale in Moskau (1919). Von großer Bedeutung für die Revolutions- und Staatstheorie war Lenins Schrift "Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky" (1918), Lenin arbeitete das neue Parteiprogramm aus, das der VIII. Parteitag (1919) annahm. Die Partei setzte sich darin den Aufbau des Sozialismus zum Ziel Lenin prägt die Formel für den wirtschaftlichen Aufbau: "Kommunismus - das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes", die dem GOELRO-Plan zugrunde gelegt wurde. Auf dem X. Parteitag und in der Broschüre "Über die Naturalsteuer" (1921) begründete Lenin den Übergang zur Neuen Ökonomischen Politik (NÖP).


Große Bedeutung für die Entwicklung der jungen kommunistischen Parteien hatte Lenins Arbeit "Der 'linke Radikalismus', die Kinderkrankheit im Kommunismus" (1920). Lenin nahm entscheidenden Anteil an der Arbeit des II., III. und IV. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale. Kurz vor dem Tode gab Lenin wichtige Hinweise über die Methoden der Parteiführung und verfaßte den Artikel "Über das Genossenschaftswesen" und "Lieber weniger, aber besser" (beide 1923). Lenin war der bedeutendste Fortsetzer des Werkes von Marx und Engels, der Initiator der neuen, der Leninschen Etappe des Marxismus in der internationalen Arbeiterbewegung.



Große sozialistische Oktoberrevolution

Aus: Wörterbuch der Geschichte, Dietz Verlag Berlin 1984

Auf Grund des Wirkens des Gesetzes der ungleichmäßigen ökonomischen und politischen Entwicklung im Kapitalismus war Rußland um die Jahrhundertwende zum Knotenpunkt aller imperialistischen Widersprüche geworden. Im Ergebnis des ersten Weltkrieges bildete sich in den kriegsführenden Ländern eine revolutionäre Situation heraus. In Rußland wuchs die Krise schneller als in anderen Ländern. Im Februar 1917 erlebte Rußland die zweite bürgerlich-demokratische Revolution (Februarrevolution 1917). Der Zarismus wurde gestürzt. Nach dem Sieg der bürgerlich-demokratischen Februarrevolution 1917 entstand im Lande eine Doppelherrschaft: die bürgerliche Provisorische Regierung und die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Eine eigenartige Verschlingung zweier Diktaturen hatte sich herausgebildet: der Diktatur der Bourgeoisie und der revolutionär-demokratischen Diktatur der Arbeiterklasse und der Bauern. Die Mehrheit in den Sowjets hatten die kleinbürgerlichen Parteien - die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre - an sich gerissen. Das erklärte sich aus der ungenügenden Organisiertheit und der unzureichenden politischen Bewußtheit des Proletariats und der Bauernschaft. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre nutzten einerseits die Leichtgläubigkeit der unerfahrenen, vom Sieg über den Zarismus trunkenen Massen und andererseits die Tatsache, daß die bolschewistischen Parteiorganisationen in den Kriegsjahren ausgeblutet und geschwächt waren, daß die aktivsten Funktionäre der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands (Bolschewiki) in Gefängnissen saßen, in der Verbannung oder der Emigration weilten. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre halfen der Bourgeoisie, ihre Macht in Gestalt der Provisorischen Regierung zu errichten.


Die Februarrevolution in Rußland brachte dem Volk demokratische Freiheiten. Die Partei der Bolschewiki trat aus der Illegalität heraus und organisierte ihre Arbeit auf der Grundlage des demokratischen Zentralismus. Zum Zeitpunkt der Februarrevolution zählte die Partei 40.000 bis 45.000 Mitglieder. Die größten Parteiorganisationen waren: die Petrograder (2.000), die Moskauer (600), die Jekaterinoslawer (400) und die Kiewer (200). Am 18.März (nach dem bis Januar 1918 geltenden Kalender 5.März) erschien die "Prawda" wieder. Die Bolschewiki organisierten Gewerkschaften und Fabrikkomitees; beim ZK und beim Petrograder Parteikomitee schufen sie eine Militärorganisation zur Führung der politischen Arbeit in der Armee. Nach der Februarrevolution war im Land eine komplizierte Situation, insbesondere in der Frage des Krieges, entstanden. Die Kadetten (Konstitutionelle Demokraten), Menschewiki und Sozialrevolutionäre riefen zur Fortsetzung des Krieges unter der Losung auf, die Errungenschaften der Revolution zu schützen. Sie nannten sich "Anhänger der revolutionären Vaterlandsverteidigung" und versicherten dem Volk, der Krieg habe seinen imperialistischen Charakter verloren.

Ein großer teil des politisch noch unerfahrenen Volkes fiel auf diesen Betrug herein. In dieser neuen historischen Situation mußten die Bolschewiki die Revolution einschätzen, einen neuen strategischen Plan, eine neue Taktik und Losungen ausarbeiten. Schon in seinen "Briefen aus der Ferne" (März 1917) nannte W.I.Lenin die Grundfragen der Parteipolitik unter den neuen historischen Bedingungen. Er verwies darauf, daß die erste Etappe der Revolution beendet sei und das Proletariat sich auf die zweite Etappe vorbereiten müsse. Lenin orientierte die Partei auf folgende Linie in der Revolution: keinerlei Unterstützung der Provisorischen Regierung, Entlarvung der "revolutionären Vaterlandsverteidigung". (...)


Am 3.(16.) April kehrte Lenin aus der Emigration nach Petrograd zurück. Am 4.(17.) April verkündete er seine Aprilthesen, in denen er die Orientierung der Partei auf das Hinüberwachsen der bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistische und die neue strategische Losung begründete: Bündnis des Proletariats mit der armen Bauernschaft gegen die Bourgeoisie in Stadt und Land bei Neutralisierung der schwankenden Mittelbauern. Lenin entdeckte eine neue Organisationsform der Gesellschaft - die Sowjetrepublik - als Staatsform der Diktatur des Proletariats. Ausgehend von den Leninschen Hinweisen gab die Partei die Losung aus: "Alle macht den Sowjets!" Sie bedeutete unter den gegebenen Bedingungen Kurs auf die friedliche Entwicklung der Revolution, auf die friedliche Eroberung der Diktatur des Proletariats. Die VII. Gesamtrussische Konferenz der SDAPR (B) vom 24. bis 29.April (7.-12.Mai) nahm die Leninschen Thesen an und orientierte die Partei auf den Kampf um den Übergang zur zweiten, sozialistischen Etappe der Revolution. Auf der Grundlage der Aprilthesen Lenins und der Beschlüsse der Konferenz entfaltete die Partei der Bolschewiki, die nun bereits über 100.000 Mitglieder hatte, eine umfangreiche politische Tätigkeit unter den Arbeitern, Soldaten und Bauern in den Sowjets, den Soldatenkomitees, den Gewerkschaften, Fabrikkomitees usw. Die Militärorganisationen der SDAPR (B) leiteten die revolutionäre Arbeit unter den Soldaten an der Front und im Hinterland.

(...)

Am 20. und 21.April (3. und 4.Mai) forderten hunderttausend Arbeiter und Soldaten in Demonstrationen die Beendigung des Krieges. Das war der Beginn der Aprilkrise der Provisorischen Regierung. Eine Koalitionsregierung unter der Leitung A.F.Kerenski wurde gebildet. Neben Kadetten gehörten ihr Menschewiki und Sozialrevolutionäre an. Auf dem vom 3. (16.) bis 24.Juni (7.Juli) 1917 in Petrograd tagenden I.Gesamtrussischen Sowjetkongreß der Arbeiter- und Soldatendeputierten waren die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre bestrebt, die Politik der Koalition mit der Provisorischen Regierung durchzusetzen, und versuchten zu beweisen, daß die Losung "Alle Macht den Sowjets!" nicht zu verwirklichen sei.

(...)

Am 18.Juni (1.Juli) 1917, noch während des Sowjetkongresses, gab es zwei wichtige Ereignisse: Die Provisorische Regierung ließ die Truppen an der Front zur Offensive übergehen, und in Petrograd fand eine Demonstration mir rund 500.000 Teilnehmern statt. Diese Demonstration war von den Führern der Menschewiki und Sozialrevolutionäre auf diesen Tag festgelegt worden, mit der Absicht, der Provisorischen Regierung das Vertrauen auszudrücken und praktisch die Junioffensive zu begrüßen. Aber die Demonstration verlief unter bolschewistischen Losungen wie "Alle Macht den Sowjets!", "Nieder mit dem Krieg!" und brachte Mißtrauen gegenüber der Provisorischen Regierung zum Ausdruck. Ein großer Teil des Proletariats der Hauptstadt und seiner Garnison folgte den Bolschewiki. Es kam zur Junikrise 1917. Am 2.(15.) Juli erfuhr die Hauptstadt von der Niederlage der von der Provisorischen Regierung befohlenen Offensive. Das rief unter den Arbeitern und Soldaten der Garnison große Erregung hervor, die zu einer spontanen bewaffneten Aktion der Massen führte. Das ZK der bolschewistischen Partei war gegen eine vorzeitige Aktion, da die allgemeine Krise noch nicht herangereift war. Aber die Massen zurückzuhalten war nicht mehr möglich. Deshalb beschlossen die Bolschewiki, sich dieser Bewegung anzuschließen und ihr den Charakter einer friedlichen und organisierten Demonstration unter der Losung "Alle Macht den Sowjets!" zu geben. Am 4.(17.) Juli nahmen an dieser Demonstration über 500.000 Menschen teil. Mit Kenntnis und Zustimmung der Führer der menschewiki und der Sozialrevolutionäre ging die Provisorische Regierung gegen die friedliche Demonstration vor, ließ auf Demonstranten schießen und griff zu Repressalien: Es wurde damit begonnen, revolutionäre Truppenteile der Garnison und der Arbeiter zu entwaffnen. Den Hauptschlag richtete die Konterrevolution gegen die Partei der Bolschewiki. Sie verbot die "Prawda" und vernichtete ihre Redaktion; es begannen Verhaftungen bolschewistischer Funktionäre, das Gebäude des ZK der Partei wurde besetzt. Die Provisorische Regierung gab den Befehl, Lenin zu verhaften und ihm einen Prozeß zu machen. Lenin mußte erneut in die Illegalität gehen. Nach den Julitagen des Jahres 1917 hatte sich die Lage im Lande verändert. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre waren offen ins Lager der Konterrevolution übergegangen. Die Doppelherrschaft war beendet, und die macht befand sich jetzt vollständig in den Händen der Konterrevolution. Die von Sozialrevolutionären und Menschewiki durchsetzten Sowjets wurden zu einem Anhängsel der bürgerlichen Regierung. Am 10.(23.) Juli schrieb Lenin die Thesen "Die politische Lage", in denen er auf das neue Kräfteverhältnis zwischen den Klassen und auf die Notwendigkeit verwies, die Taktik der Partei zu ändern. Besondere Bedeutung hatte der Artikel Lenins "Zu den Losungen", in denen er eine ausführliche Begründung der neuen Taktik der Partei gab und die Fehler und Verirrungen derer kritisierte, die die Lage im Lande nach den Juliereignissen falsch einschätzten. In diesen Artikeln hob Lenin hervor, daß die Etappe der friedlichen Entwicklung der Revolution durch die Politik der Sozialrevolutionäre und Menschewiki beendet worden war. Die Macht konnte der Bourgeoisie jetzt nur noch durch einen bewaffneten Aufstand entrissen werden. Lenin schlug vor, die Losung "Alle Macht den Sowjets!" zurückzunehmen. Das war kein Lossagen von der Sowjetrepublik. Man setzte die Losung ab, da es sich um machtlose Sowjets handelte, in denen die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki vorherrschten.

(...)

In dieser Zeit bereitete die russische imperialistische Bourgeoisie die Errichtung einer Militärdiktatur vor. Mit diesen Zielen inszenierte sie eine konterrevolutionäre Verschwörung, an deren Spitze der Oberkommandierende, General L.G.Kornilow, stand. Die Bourgeoisie hatte damit den Bürgerkrieg begonnen. Der Kornilow-Putsch wurde von den revolutionären Arbeitern, Soldaten und Matrosen unter der Führung der Bolschewiki zerschlagen. Die Liquidierung des Kornilow-Putsches veränderte die Situation im Lande. Die Bolschewisierung der Sowjets verstärkte sich. Die Arbeiter und Soldaten entzogen den Menschewiki und den Sozialrevolutionären die Mandate und wählten an deren Stelle Bolschewiki in die Sowjets. Am 31.August (13.September) ging der Petrograder Sowjets auf die Seite der Bolschewiki über, am 5.(18.) September der Moskauer Sowjets. Ihnen folgte eine Reihe anderer Stadtsowjets. Die Losung "Alle Macht den Sowjets!" wurde erneut auf die Tagesordnung gesetzt. Aber der Übergang der Macht an die bolschewistischen Sowjets war jetzt nur noch auf dem Wege des bewaffneten Aufstands möglich. Der Mißerfolg des Kornilowschen Abenteuer schwächte und desorganisierte einerseits das gesamte Lager der Konterrevolution und zeigte andererseits die Stärke der revolutionären Kräfte. Lenin analysierte die neue Lage und kam zu der Schlußfolgerung, daß eine gesamtnationale Krise herangereift war. Sie fand ihren Ausdruck in einer mächtigen revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse, die in ihren Kampf unmittelbar vor der Machteroberung stand, in dem breiten Ausmaß des Kampfes der Bauern um Land, im Übergang der großen Mehrheit der Soldaten und Matrosen auf die Seite der Revolution und in deren Bereitschaft, mit der Waffe in der Hand die Bolschewiki zu unterstützen; sie bestand ferner in der Verstärkung der nationalen Befreiungsbewegung der Völker in den Randgebieten, im Kampf des ganzen Volkes für den Abschluß eines gerechten Friedens, in der ernsthaften Zerrüttung der Wirtschaft und der Finanzen des Landes, im Bankrott der bürgerlichen Regierung, in der chronischen Krise der Provisorischen Regierung und in der Zersetzung der kleinbürgerlichen Parteien (bei den Sozialrevolutionären bildete sich ein linker Flügel, bei den Menschewiki die Gruppe der Internationalisten heraus). Es entstand eine Lage, in der die "unteren Schichten" nicht mehr auf alte Art leben wollten und die "oberen Schichten" nicht mehr auf die alte Weise regieren konnten. Die werktätigen Massen waren bereit, unter der Führung der bolschewistischen Partei zum Sturm auf den Kapitalismus anzutreten.

(...)

Im August und September 1917 schrieb er (Lenin) in der Illegalität sein Buch "Staat und Revolution", in dem er die marxistische Lehre vom Staat und den Weg zur Erkämpfung der Diktatur des Proletariats begründete. Im Oktober traf Lenin insgeheim in Petrograd ein. Am 10.(23.) Oktober 1917 fand die denkwürdige Sitzung des ZK der SDAPR (B) statt, auf der Lenin über die gegenwärtige Lage sprach. In einer von ihm unterbreiteten Resolution hieß es, daß der bewaffnete Aufstand unumgänglich geworden sei und auch die Bedingungen dafür völlig herangereift seien. Das ZK forderte alle Parteiorganisationen auf, sich von diesem Beschluß leiten zu lassen. Gegen die genannte Resolution traten die ZK-Mitglieder Kamenew und G.J. Sinowjew auf, die den Standpunkt vertraten, das Proletariat Rußlands sei nicht imstande, eine sozialistische Revolution durchzuführen.

(...)

Zur Vorbereitung und Leitung des bewaffneten Aufstandes wurde auf Weisung des ZK ein Revolutionäres Militärkomitee beim Petrograder Sowjet geschaffen. Auch in Moskau u.a. Städten wurde der bewaffnete Aufstand vorbereitet. Abteilungen der Roten Garde entstanden; im Oktober erreichte deren Stärke im ganzen Land die Zahl von 200.000 Kämpfern. Am 16.(29.) Oktober fand eine erweiterte Sitzung des ZK der Partei statt, die die von Lenin vorgeschlagene Resolution über den bewaffneten Aufstand bestätigte. Ein Revolutionäres Militärisches Zentrum des ZK zur Leitung des Aufstandes wurde gewählt (A.S. Bubnow, F.E. Dzierzynski, Stalin, J.M. Swerdlow, M.S. Urizki), das als führender Kern dem Revolutionären Miltärkomitee angehörte.

(...)

Am 25.Oktober (7.November) sollte der II.Gesamtrussische Sowjetkongreß eröffnet werden. Lenin bestand darauf, den Aufstand noch vor Eröffnung des Kongresses zu beginnen, damit der Feind nicht die Initiative an sich reißen könnte. Am Abend des 24.Oktober (6.November) begab sich Lenin in den Smolny, den Sitz des Stabes der Revolution, um die unmittelbare Leitung des Aufstandes zu übernehmen. Am 25.Oktober (7.November) 1917 siegte der bewaffnete Aufstand in Petrograd. Die Provisorische Regierung wurde gestürzt. Die Macht ging an das Organ des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, das Revolutionäre Militärkomitee, über. Die Minister der Provisorischen Regierung wurden verhaftet.

(...)

Am 25.Oktober (7.November) abends wurde der II.Gesamtrussische Sowjetkongreß der Arbeiter- und Soldatendeputierten eröffnet. Die Mehrheit auf diesem Kongreß gehörte den Bolschewiki. Ihnen folgte der zahlenmäßigen Stärke nach die linken Sozialrevolutionäre. Die Menschewiki und die rechten Sozialrevolutionäre verließen den Kongreß. Gestützt auf den siegreichen Aufstand in Petrograd, nahm der Kongreß die Macht in seine Hände, und verkündete, daß die Staatsmacht in die Hände der Sowjets übergegangen sei. In Rußland wurde die Diktatur des Proletariats, die Sowjetmacht, errichtet.



Aus: "Zur russischen Revolution" von Rosa Luxemburg

geschrieben: 1918

(...)

Lenin und Trotzki haben anstelle der aus allgemeinen Volkswahlen hervorgegangenen Vertretungskörperschaften die Sowjets als die einzige wahre Vertretung der arbeitenden Massen hingestellt. Aber mit dem Erdrücken des politischen Lebens im ganzen Lande muß auch das Leben in den Sowjets immer mehr erlahmen. Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder öffentlichen Institution, wird zum Scheinleben, in der die Bürokratie allein das tätige Element bleibt. Das öffentliche Leben schläft allmählich ein, einige Dutzend Parteiführer von unerschöpflicher Energie und grenzenlosem Idealismus dirigieren und regieren, unter ihnen leitet in Wirklichkeit ein Dutzend hervorragender Köpfe, und eine Elite der Arbeiterschaft wird von Zeit zu Zeit zu Versammlungen aufgeboten, um den Reden der Führer Beifall zu klatschen, vorgelegten Resolutionen einstimmig zuzustimmen, im Grunde also eine Cliquenwirtschaft - eine Diktatur allerdings, aber nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diktatur einer Handvoll Politiker, d.h. Diktatur im rein bürgerlichen Sinne, im Sinne der Jakobinerherrschaft (das Verschieben der Sowjetkongresse von drei Monaten auf sechs Monate!). Ja noch weiter: Solche Zustände müssen eine Verwilderung des öffentlichen Lebens zeitigen: Attentate, Geiselerschießungen etc. Das ist ein übermächtiges, objektives Gesetz, dem sich keine Partei zu entziehen vermag.


Jawohl: Diktatur. Aber diese Diktatur besteht in der Art der Verwendung der Demokratie nicht in ihrer Abschaffung, in energischen, entschlossenen Eingriffen in die wohlerworbenen Rechte und wirtschaftlichen Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft, ohne welche sich die sozialistische Umwälzung nicht verwirklichen läßt. Aber diese Diktatur muß das Werk der Klasse und nicht einer kleinen, führenden Minderheit im Namen der Klasse sein, d.h. sie muß auf Schritt und Tritt aus der aktiven Teilnahme der Massen hervorgehend, unter ihrer unmittelbaren Beeinflussung stehen, der Kontrolle der gesamten Öffentlichkeit unterstehen, aus der wachsenden politischen Schulung der Volksmassen hervorgehen.


Genauso würden auch sicher die Bolschewiki vorgehen, wenn sie nicht unter dem furchtbaren Zwang des Weltkrieges, der deutschen Okkupation und aller damit verbundenen abnormen Schwierigkeiten litten, die jede von den besten Absichten und den schönsten Grundsätzen erfüllte sozialistische Politik verzerren müssen.


Ein krasses Argument dazu bildet die so reichliche Anwendung des Terrors durch die Räteregierung, und zwar namentlich in der letzten Periode vor dem Zusammenbruch des deutschen Imperialismus, seit dem Attentat auf den deutschen Gesandten. Die Binsenwahrheit, daß Revolutionen nicht mit Rosenwasser getauft werden, ist an sich ziemlich dürftig.


Alles, was in Rußland vorgeht, ist begreiflich und eine unvermeidliche Kette von Ursachen und Wirkungen, deren Ausgangspunkte und Schlußsteine: das Versagen des deutschen Proletariats und die Okkupation Rußlands durch den deutschen Imperialismus. Es hieße von Lenin und Genossen Übermenschliches verlangen, wollte man ihnen auch noch zumuten, unter solchen Umständen die schönste Demokratie, die vorbildlichste Diktatur des Proletariats und eine blühende sozialistische Wirtschaft hervorzuzaubern. Sie haben durch ihre entschlossene revolutionäre Haltung, ihre vorbildliche Tatkraft und ihre unverbrüchliche Treue dem internationalen Sozialismus wahrhaftig genug geleistet, was unter so verteufelt schwierigen Verhältnissen zu leisten war. Das Gefährliche beginnt dort, wo sie aus der Not die Tugend machen, ihre von diesen fatalen Bedingungen aufgezwungene Taktik nunmehr theoretisch in allen Stücken fixieren und dem internationalen Proletariat als das Muster der sozialistischen Taktik zur Nachahmung empfehlen wollen. Wie sie sich damit selbst völlig unnötig im Lichte stehen und ihr wirkliches, unbestreitbares historisches Verdienst unter den Scheffel notgedrungener Fehltritte stellen, so erweisen sie dem internationalen Sozialismus, dem zuliebe und um dessentwillen sie gestritten und gelitten, einen schlechten Dienst, wenn sie in seine Rüstkammer als neue Erkenntnisse all die von Not und Zwang in Rußland eingegebenen Schiefheiten eintragen wollen, die letzten Endes nur Ausstrahlungen des Bankrotts des internationalen Sozialismus in diesem Weltkriege waren.

(...)

Die Bolschewiki haben gezeigt, daß sie alles können, was eine echte revolutionäre Partei in den Grenzen der historischen Möglichkeiten zu leisten imstande ist. Sie sollen nicht Wunder wirken wollen. Denn eine mustergültige und fehlerfreie proletarische Revolution in einem isolierten, vom Weltkrieg erschöpften, vom Imperialismus erdrosselten, vom internationalen Proletariat verratenen Lande wäre ein Wunder. Worauf es ankommt, ist, in der Politik der Bolschewiki das Wesentliche vom Unwesentlichen, den Kern von dem Zufälligen zu unterscheiden. In dieser letzten Periode, in der wir vor entscheidenden Endkämpfen in der ganzen Welt stehen, war und ist das wichtigste Problem des Sozialismus, geradezu die brennende Zeitfrage nicht diese oder jene Detailfrage der Taktik, sondern: die Aktionsfähigkeit des Proletariats, die revolutionäre Tatkraft der Massen, der Wille zur Macht des Sozialismus überhaupt. In dieser Beziehung waren die Lenin und Trotzki mit ihren Freunden die ersten, die dem Weltproletariat mit dem Beispiel vorangegangen sind, sie sind bis jetzt immer noch die einzigen, die mit Hutten ausrufen können: Ich hab's gewagt!


Dies ist das Wesentliche und Bleibende der Bolschewiki-Politik. In diesem Sinne bleibt ihnen das unersterbliche geschichtliche Verdienst, mit der Eroberung der politischen Gewalt und der praktischen Problemstellung der Verwirklichung des Sozialismus dem internationalen Proletariat vorangegangen zu sein und die Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit in der ganzen Welt mächtig vorangetrieben zu haben. In Rußland konnte das Problem nur gestellt werden. Es konnte nicht in Rußland gelöst werden, es kann nur international gelöst werden. Und in diesem Sinne gehört die Zukunft überall dem "Bolschewismus".


"Sechs Thesen über die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht"

von W.I. Lenin, geschrieben: 1918


1. Die internationale Lage der Sowjetrepublik ist in höchstem Grade schwer und kritisch, den die tiefsten und fundamentalsten Interessen des internationalen Kapitals und des Imperialismus veranlassen ihn nicht nur, nach einem militärischen Überfall auf Rußland, sondern auch nach einer Verständigung über die Aufteilung Rußlands und die Erdrosselung der Sowjetmacht zu streben.


Nur die Verschärfung des imperialistischen Völkergemetzels im Westen Europas und die imperialistische Rivalität zwischen Japan und Amerika im Fernen Osten paralysieren oder hemmen diese Bestrebungen, und auch das nur zum Teil und nur für eine bestimmte, wahrscheinlich kurze Zeit.

Deshalb muß die Taktik der Sowjetrepublik unbedingt darin bestehen, einerseits alle Kräfte aufs äußerste anzuspannen, um einen möglichst raschen ökonomischen Aufschwung des Landes herbeizuführen, seine Wehrkraft zu steigern und eine mächtige sozialistische Armee zu schaffen; andererseits muß in der internationalen Politik die Taktik im Lavieren, Zurückweichen, Abwarten bestehen, bis zu dem Zeitpunkt, wo die internationale proletarische Revolution endgültig ausreift, die jetzt in einer ganzen Reihe fortgeschrittener Länder schneller als früher heranreift.


2. Auf dem Gebiet der Innenpolitik tritt gegenwärtig, entsprechend der Resolution des gesamtrussischen Sowjetkongresses vom 15.März 1918, die organisatorische Aufgabe auf die Tagesordnung. Gerade diese Aufgabe, angewandt auf die neue und höhere Organisation der Erzeugung und Verteilung der Produkte auf der Grundlage vergesellschafteter maschineller (Arbeit) Großproduktion, bildet den Hauptinhalt - und die Hauptbedingung des völligen Sieges - der sozialistischen Revolution, die in Rußland am 25.Oktober 1917 begonnen hat.


3. Vom rein politischen Standpunkt aus besteht der Angelpunkt gegenwärtig darin, daß die Aufgabe, das werktätige Rußland von der Richtigkeit des Programms der sozialistischen Revolution zu überzeugen, und die Aufgabe, Rußland zugunsten der Werktätigen den Ausbeutern abzuringen, in den Hauptzügen gelöst sind und daß als Hauptaufgabe die Frage, wie man Rußland verwalten soll, auf die Tagesordnung tritt. Die Organisierung einer richtigen Verwaltung, der konsequenten Durchführung der Beschlüsse der Sowjetmacht - das ist die dringendste Aufgabe der Sowjets, das ist die Bedingung für den vollen Sieg des sowjetischen Staatstypus; es genügt nicht, diesen Staatstypus formal zu dekretieren, ihn überall im Land einzuführen, sondern man muß ihn auch praktisch auf die Beine stellen und in der regelmäßigen, tagtäglichen Verwaltungsarbeit erproben.


4. Auf dem Gebiet des ökonomischen Aufbau des Sozialismus besteht der Angelpunkt gegenwärtig darin, daß unser Bemühen um die Organisierung einer vom ganzen Volk ausgeübten und allumfassenden Rechnungsführung und Kontrolle über die Erzeugung und Verteilung der Produkte und um die Einführung einer proletarischen Produktionsregulierung stark zurückgeblieben ist hinter der Arbeit der unmittelbaren Expropriation der Expropriateure - der Gutsbesitzer und Kapitalisten. Das ist die grundlegende Tatsache, die unsere Aufgabe bestimmt.

Aus ihr ergibt sich einerseits, daß der Kampf gegen die Bourgeoisie in eine neue Phase eintritt, nämlich: zum Schwerpunkt wird die Organisierung der Rechnungsführung und Kontrolle. Nur auf diesem Wege können alle jene ökonomischen Errungenschaften im Kampf gegen das Kapital und alle jene Maßnahmen zur Nationalisierung der einzelnen Volkswirtschaftszweige verankert werden, die wir seit dem Oktober erreicht haben, und nur auf diesem Weg kann eine erfolgreiche Vollendung des Kampfes gegen die Bourgeoisie, d.h. die völlige Festigung des Sozialismus vorbereitet werden.

Aus der erwähnten grundlegenden Tatsache ergibt sich andererseits die Erklärung dafür, warum die Sowjetmacht in gewissen Fällen einen Schritt zurück tun oder ein Kompromiß mit bürgerlichen Tendenzen eingehen mußte. Ein solcher Schritt zurück und eine Abweichung von den Prinzipien der Pariser Kommune war beispielsweise die Einführung hoher Gehälter für eine Reihe von bürgerlichen Spezialisten. Ein solcher Kompromiß war das Abkommen mit den bürgerlichen Genossenschaften über Schritte und Maßnahmen zur allmählichen Einbeziehung der gesamten Bevölkerung in die Genossenschaften. Solange die proletarische Staatsmacht nicht die allumfassende Kontrolle und Rechnungsführung völlig auf die Beine bringt, sind Kompromisse solcher Art notwendig, und unsere Aufgabe besteht darin, ohne dem Volke ihre negativen Züge irgendwie zu verschweigen, die Kräfte anzuspannen, um die Rechnungsführung und Kontrolle zu verbessern, weil diese die einzigen Mittel und Wege sind zur völligen Beseitigung aller solcher Kompromisse. Gegenwärtig sind solche Kompromisse notwendig, denn sie bieten (bei unserer Verspätung mit der Rechnungsführung und Kontrolle) die einzige Garantie für einen zwar langsameren, dafür aber auch sichereren Vormarsch. Wird die Rechnungsführung und Kontrolle über die Erzeugung und Verteilung der Produkte vollständig durchgeführt, dann werden diese Kompromisse nicht mehr notwendig sein.


5. Auf die Tagesordnung treten insbesondere Maßnahmen zur Hebung der Arbeitsdisziplin und der Arbeitsproduktivität. Die Schritte, die in diese Richtung bereits getan worden sind, besonders von den Gewerkschaften, müssen mit allen Kräften unterstützt, untermauert und verstärkt werden. Dazu gehören beispielsweise die Einführung des Stücklohns, die Anwendung von vielen, was an Wissenschaftlichem und Fortschrittlichem im Taylorsystem enthalten ist, die Abstimmung des Verdienstes mit den gesamten Arbeitsergebnissen der Fabrik bzw. mit dem Betriebsertrag der Eisenbahnen, der Schiffahrt usw. Hierher gehört auch die Organisierung des Wettbewerbs zwischen den einzelnen Produktions- und Konsumkommunen, die Auswahl von Organisatoren usw.


6. Die Diktatur des Proletariats ist eine unbedingte Notwendigkeit beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus, und in unserer Revolution hat diese Wahrheit ihre volle praktische Bestätigung gefunden. Die Diktatur setzt jedoch bei der Niederlage sowohl der Ausbeuter als auch der Rowdys eine wirkliche feste und schonungslose revolutionäre Staatsgewalt voraus, und unsere Staatsgewalt ist zu mild. Die Unterordnung, und zwar die unbedingte Unterordnung während der Arbeit, unter die einzelverantwortlichen Anordnungen der sowjetischen Leiter, der Diktatoren, seien sie nun gewählt oder von den Sowjetinstitutionen ernannt, die mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet sind (wie das beispielsweise das Dekret über die Eisenbahnen verlangt), ist noch lange, lange nicht genügend sichergestellt. Hier äußert sich der Einfluß der kleinbürgerlichen Elementargewalt, der elementarischen Flut kleinbesitzerlicher Gewohnheiten, Bestrebungen und Stimmungen, die der proletarischen Disziplin und dem Sozialismus von Grund auf widersprechen. Alles Klassenbewußte im Proletariat muß ausgerichtet werden auf den Kampf gegen diese kleinbürgerliche Elementargewalt, die nicht nur ihren direkten Ausdruck findet (in der Unterstützung jeder Aktion gegen die proletarische Staatsmacht durch die Bourgeoisie und ihre Handlanger: Menschewiki, rechte Sozialrevolutionäre usw.), sondern auch ihren indirekten Ausdruck (in jenem historischen Schwanken, das in den Hauptfragen der Politik festzustellen ist sowohl bei der kleinbürgerlichen Partei der linken Sozialrevolutionäre als auch bei der "linkskommunistischen" Strömung in unserer Partei, die bis zu den Methoden kleinbürgerlichen Revoluzzertums hinabsinkt und den linken Sozialrevolutionären nachahmt).

Eiserne Disziplin und konsequenteste Ausübung der Diktatur des Proletariats gegen kleinbürgerliche Schwankungen - das ist die allgemeine und zusammenfassende Losung des Augenblicks.



Aus: Ökonomik und Politik in der Epoche der Diktatur des Proletariats

von W.I. Lenin, geschrieben: 1919


Sozialismus ist Abschaffung der Klassen. Die Diktatur des Proletariats hat für diese Abschaffung alles getan, was sie tun konnte. Aber auf einen Schlag kann man die Klassen nicht abschaffen.

Und die Klassen sind geblieben und werden für die Dauer der Epoche der Diktatur des Proletariats bestehenbleiben. Die Diktatur wird nicht mehr gebraucht werden, wenn die Klassen verschwunden sind. Sie werden nicht verschwinden ohne die Diktatur des Proletariats.


Die Klassen sind geblieben, aber jede Klasse hat sich in der Epoche der Diktatur des Proletariats verändert; auch ihr Verhältnis zueinander hat sich verändert. Der Klassenkampf verschwindet nicht unter der Diktatur des Proletariats, sondern nimmt nur andere Formen an.


Das Proletariat war unter dem Kapitalismus eine unterdrückte Klasse, eine Klasse, die über keinerlei Eigentum an Produktionsmitteln verfügte, war die einzigste Klasse, die unmittelbar und in ihrer Gesamtheit der Bourgeoisie entgegengestellt und darum als einzige fähig war, bis zur letzten Konsequenz revolutionär zu sein. Das Proletariat ist, nachdem es die Bourgeoisie gestürzt und die politische Macht erobert hat, zur herrschenden Klasse geworden: Es hält die Staatsmacht in Händen, es verfügt über die schon vergesellschafteten Produktionsmittel, es führt die schwankenden, eine Zwischenstellung einnehmenden Elemente und Klassen, es unterdrückt den verstärkten Widerstand der Ausbeuter. Das alles sind besondere Aufgaben des Klassenkampfes, Aufgaben, die das Proletariat früher nicht stellte und nicht stellen konnte.


Die Klasse der Ausbeuter, der Gutsbesitzer und Kapitalisten, ist unter der Diktatur des Proletariats nicht verschwunden und kann nicht auf einmal verschwinden. Die Ausbeuter sind geschlagen, aber nicht vernichtet. Ihnen ist die internationale Basis geblieben, das internationale Kapital, dessen Filiale sie sind. Ihnen sind zum Teil gewisse Produktionsmittel geblieben, ist Geld geblieben, sind weitverzweigte gesellschaftliche Verbindungen geblieben. Ihr Widerstand ist gerade infolge ihrer Niederlage hundertmal, tausendmal stärker geworden. Die "Kunst" der Staats-, Militär- und Wirtschaftsverwaltung verleiht ihnen eine riesige Überlegenheit, so daß ihre Bedeutung unvergleichlich größer ist als ihr Anteil an der Gesamtzahl der Bevölkerung. Der Klassenkampf der Ausbeuter gegen die siegreiche Avantgarde der Ausgebeuteten, d.h. gegen das Proletariat, ist ungleich erbitterter geworden. Und das kann nicht anders sein, wenn man von der Revolution spricht, wenn man nicht an Stelle dieses Begriffs reformistische Illusionen unterschieben will (wie das alle Helden der II.Internationale tun ).


Schließlich nimmt die Bauernschaft, wie das ganze Kleinbürgertum überhaupt, auch unter der Diktatur des Proletariats eine mittlere, eine Zwischenstellung ein: einerseits ist das eine ziemlich bedeutende (und im rückständigen Rußland ungeheuer große) Masse von Werktätigen, die durch das gemeinsame Interesse der Werktätigen, sich vom Gutsbesitzer und vom Kapitalisten zu befreien, vereinigt wird; andererseits sind es isolierte Kleinunternehmer, Eigentümer und Händler. Diese ökonomische Stellung läßt sie unvermeidlich zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie hin und her schwanken. Und angesichts des verschärften Kampfes zwischen diesen beiden, angesichts der unerhört schroffen Umwälzung aller gesellschaftlichen Verhältnisse, angesichts des zähen Festhaltens gerade der Bauern und der Kleinbürger überhaupt am Alten, Schablonenhaften, Althergebrachten, ist es natürlich, daß es bei ihnen unvermeidlich Fälle des Hinüberwechselns von einer Seite zur anderen, Schwankungen, Wendungen, Unsicherheit usw. geben wird.


Gegenüber dieser Klasse - oder diesen gesellschaftlichen Elementen - besteht die Aufgabe des Proletariats darin, sie zu führen., Einfluß auf sie zu gewinnen. Die Schwankenden, Unbeständigen führen - das ist es, was das Proletariat tun muß.


Aus: "Der Linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus"

von W.I. Lenin, geschrieben: 1920

(...)

Eine nützliche Lehre könnte (und müßte) das sein, was so hochgelehrte Marxisten und dem Sozialismus ergebenen Führern der II.Internationalen wie Kautsky, Otto Bauer u.a. widerfahren ist. Sie hatten die Notwendigkeit einer elastischen Taktik vollauf erkannt, hatten die Marxsche Dialektik studiert und anderen beigebracht (und vieles von dem, was sie in dieser Hinsicht getan haben, wird für immer ein wertvoller Beitrag zur sozialistischen Literatur bleiben), sie machten aber bei der Anwendung dieser Dialektik einen derartigen Fehler oder erwiesen sich in der Praxis als solche Nichtdialektiker, als Leute, die so wenig zu begreifen vermochten, wie schnell die Formen wechseln und die alten Formen sich mit neuen Inhalten füllen, daß ihr Los nicht viel beneidenswerter ist als das der Hyndman, Guesde und Plechanow. Die Hauptursache ihres Bankrotts bestand darin, daß sie sich in eine bestimmte Form des Wachstums der Arbeiterbewegung und des Sozialismus "vergafften", deren Einseitigkeit vergaßen, jenen jähen Umschwung zu sehen fürchteten, der kraft der objektiven Verhältnisse unvermeidlich geworden war, und fortfuhren, einfache, auswendig gelernte, auf den ersten Blick unbestreitbare Wahrheiten zu wiederholen, wie: drei ist mehr als zwei. Aber die Politik ist der Algebra ähnlicher als der Arithmetik und der höheren Mathematik noch ähnlicher als der niederen. In Wirklichkeit hatten sich alle alten Formen der sozialistischen Bewegung mit neuen Inhalten gefüllt, vor die Zahlen trat deshalb ein neues Vorzeichen: "minus"; unsere Neunmalweisen aber fuhren (und fahren) hartnäckig fort, sich selbst und anderen einzureden, daß "minus drei" mehr sei als "minus zwei".


Man muß dafür sorgen, daß sich bei den Kommunisten nicht derselbe Fehler, nur von einer anderen Seite her, wiederholt oder, richtiger, daß derselbe Fehler, den die "linken" Kommunisten, nur von einer anderen Seite her, begehen, möglichst bald korrigiert und möglichst rasch und schmerzlos für den Organismus überwunden wird. Der linke Doktrinarismus ist ebenfalls ein Fehler, nicht nur der rechte Doktrinarismus. Natürlich ist der Fehler des linken Doktrinarismus im Kommunismus gegenwärtig tausendmal weniger gefährlich und weniger folgenschwer als der Fehler des rechten Doktrinarismus (d.h. des Sozialchauvinismus und des Kautskyanertums), aber doch nur, weil der linke Kommunismus eine ganz junge, eben erst im entstehen begriffene Strömung ist. Nur darum kann diese Krankheit unter gewissen Bedingungen leicht geheilt werden, und man muß sich mit maximaler Energie daranmachen, sie zu heilen.


Die alten Formen sind geborsten, denn es hat sich erwiesen, daß ihr neuer Inhalt - ein antiproletarischer, reaktionärer Inhalt - sich übermäßig ausgedehnt hatte. Wir haben jetzt, vom Standpunkt der Entwicklung des internationalen Kommunismus gesehen, einen so festen, so starken, so mächtigen Inhalt der Arbeit (für die Sowjetmacht, für die Diktatur des Proletariats), daß es sich in jeder beliebigen, in der neuen wie der alten Form, offenbaren kann und muß, alle Formen, nicht nur die neuen, sondern auch die alten, ummodeln, besiegen, sich unterordnen kann und muß - nicht um sich mit dem Altem abzufinden, sondern um alle, restlos alle Formen, die neuen wie die alten, in den Dienst des vollen und endgültigen, entscheidenden und unumstößlichen Sieges des Kommunismus zu stellen.


Die Kommunisten müssen alle Kräfte anspannen, um die Arbeiterbewegung und die gesellschaftliche Entwicklung überhaupt auf dem geradesten und raschesten Wege zum Sieg der Sowjetmacht und zur Diktatur des Proletariats in der ganzen Welt zu führen. Das ist eine unbestreitbare Wahrheit. Aber man braucht nur einen ganz kleinen Schritt weiter - scheinbar einen Schritt in derselben Richtung - zu tun, und die Wahrheit verwandelt sich in einen Irrtum. Man braucht nur wie die deutschen und englischen linken Kommunisten zu sagen, daß wir nur einen einzigen Weg, nur den geraden anerkennen, daß wir kein Lavieren, kein Paktieren, keine Kompromisse zulassen - und das wird bereits ein Fehler sein, der dem Kommunismus ernstesten Schaden zufügen kann, zum Teil schon zugefügt hat und noch zufügen wird. Der rechte Doktrinarismus hat sich darauf versteift, einzig und allein die alten Formen anzuerkennen, und hat völlig Bankrott gemacht, weil er den neuen Inhalt nicht bemerkte. Der linke Doktrinarismus versteift sich darauf, bestimmte alte Formen unbedingt abzulehnen, weil er nicht sieht, daß der neue Inhalt sich durch alle nur denkbaren Formen Bahn bricht, daß es unsere Pflicht als Kommunisten ist, alle Formen zu meistern und es zu lernen, mit maximaler Schnelligkeit eine Form durch die andere zu ergänzen, eine Form durch die andere zu ersetzen, unsere Taktik einer jeden solchen Änderung anzupassen, die nicht durch unsere Klasse oder nicht durch unsere Anstrengungen hervorgerufen worden ist.


Der Klassencharakter des Faschismus

Aus dem Bericht an den VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale, August 1935, von Georgi Dimitroff

(...)

Der herrschende Faschismus, Genossen, ist, wie ihn das 13. Plenum des EKKI richtig charakterisiert hat, eine unverhüllte terroristische Diktatur der extrem reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.


Die reaktionärste Spielart des Faschismus ist der Faschismus deutschen Typs. Er ist unverschämt genug, sich Nationalsozialismus zu nennen, ungeachtet dessen, daß er mit Sozialismus überhaupt nichts gemeinsam hat. Der Faschismus ist nicht bloß bürgerlicher Nationalismus, er ist bestialischer Chauvinismus. Das ist ein Regierungssystem des politischen Bandentums, ein System von Provokationen und Gewalttätigkeiten gegenüber der Arbeiterklasse und den revolutionären Elementen der Bauernschaft, des Kleinbürgertums und der Intelligenz. Das ist mittelalterliche Barbarei und Bestialität, zügellose Aggressivität gegenüber anderen Völkern und Ländern.


Der deutsche Faschismus spielt die Rolle eines Stoßtrupps der internationalen Konterrevolution, eines führenden imperialistischen Kriegsbrandstifters, eines Anstifters zum Kreuzzug gegen die Sowjetunion, das große Vaterland der Werktätigen der ganzen Welt.


Faschismus ist keine Staatsform, die angeblich "über beiden Klassen, dem Proletariat und der Bourgeoisie steht", wie zum Beispiel Otto Bauer behauptete. Das ist kein "revoltierendes Kleinbürgertums, das von der Staatsmaschine Besitz ergriffen hat", wie der englische Sozialist Brailsford erklärt. Nein, der Faschismus ist keine über den Klassen stehende Macht, auch nicht die Macht des Kleinbürgertums oder des Lumpenproletariats über das Finanzkapital. Faschismus ist die Macht des Finanzkapitals selbst. Das ist eine Organisation zur gewaltmäßigen Unterwerfung der Arbeiterklasse und des revolutionären Teils der Bauernschaft und der Intelligenz. Faschismus in der Außenpolitik ist brutalster Chauvinismus, der tierischen Haß gegen die anderen Völker heranzüchtet.

Man muß diesen wahren Charakter des Faschismus besonders stark hervorheben, weil der Deckmantel der sozialen Demagogie dem Faschismus die Möglichkeit gab, in einer Reihe von Ländern die durch die Krise aus den Geleisen geratenen kleinbürgerlichen Massen und sogar gewisse Teile der rückständigsten Schichten des Proletariats mitzureißen, die niemals dem Faschismus gefolgt wären, hätten sie seinen wahren Klassencharakter, seine wahre Natur begriffen.


Der Faschismus und die faschistische Diktatur selbst weisen in den verschiedenen Ländern Formen der Entwicklung auf, die - den historischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen, den nationalen Besonderheiten und der internationalen Stellung des betreffenden Landes entsprechend - unterschiedlich sind. In gewissen Ländern und vor allem dort, wo der Faschismus keine breite Massenbasis besitzt und der Kampf zwischen den einzelnen Gruppen im Lager der faschistischen Bourgeoisie selbst ziemlich stark ist, wagt er es nicht gleich, das Parlament aufzulösen. und räumt den anderen bürgerlichen Parteien und auch der Sozialdemokratie eine gewisse Legalität ein. In anderen Ländern, wo die herrschende Bourgeoisie einen bevorstehenden Ausbruch der Revolution befürchtet, errichtet der Faschismus seine uneingeschränkte politische Monopolstellung entweder mit einem Schlag oder aber durch zunehmende Steigerung des Terrors und der blutigen Auseinandersetzung mit allen rivalisierenden Parteien und Gruppen. Das schließt jedoch die Möglichkeit nicht aus, daß der Faschismus in Zeiten einer besonderen Zuspitzung seiner Lage Anstalten trifft, seine Basis zu erweitern und, ohne sein Klassenwesen zu ändern, die offene terroristische Diktatur mit einer groben Verfälschung des Parlamentarismus zu kombinieren.


Die faschistische Machtergreifung ist keine einfache Ablösung einer bürgerlichen Regierung durch eine andere, sondern die Ablösung einer Staatsform der Klassenherrschaft der Bourgeoisie, der bürgerlichen Demokratie, durch eine andere, durch die unverhüllte terroristische Diktatur. Die Verkennung dieses Unterschiedes wäre ein großer Fehler. Sie würde das revolutionäre Proletariat daran hindern, die breitesten Schichten der Werktätigen in Stadt und Land zum Kampf gegen die Gefahr der faschistischen Machtergreifung zu mobilisieren und die Gegensätze auszunutzen, die im Lager der Bourgeoisie selbst bestehen. Doch nicht weniger schwerwiegend ist der Fehler, die Bedeutung der sich gegenwärtig in den Ländern der bürgerlichen Demokratie häufenden reaktionären Maßnahmen der Bourgeoisie für die Errichtung der faschistischen Diktatur zur unterschätzen, die dazu dienen, die demokratischen Freiheiten der Werktätigen aufzuheben, die Rechte des Parlaments zu verfälschen und zu beschneiden und die Vergeltungsmaßnahmen gegen die revolutionäre Bewegung zu verschärfen.


Genossen, man darf sich den Machtantritt des Faschismus nicht so vereinfacht und glatt vorstellen, als faßte irgendein Komitee des Finanzkapitals den Beschluß, an dem und dem Tage die faschistische Diktatur zu errichten. Tatsächlich gelangt der Faschismus gewöhnlich durch zuweilen erbitterten Kampf gegen die alten bürgerlichen Parteien oder gegen einen bestimmten Teil dieser Parteien an die Macht, sogar durch Kampf innerhalb des faschistischen Lagers selbst, der gelegentlich bis zu bewaffneten Zusammenstößen führt, wie wir es in Deutschland, Österreich und anderen Ländern erlebt haben. Das alles verringert aber nicht die Bedeutung der Tatsache, daß vor der Errichtung der faschistischen Diktatur die bürgerlichen Regierungen in der Regel verschiedene vorbereitende Etappen durchlaufen und eine Reihe reaktionärer Vorkehrungen treffen, die den Machtantritt des Faschismus unmittelbar fördern. Wer während dieser Vorbereitungsetappen nicht gegen die reaktionären Maßnahmen der Bourgeoisie und gegen den erstarkenden Faschismus ankämpft, ist nicht imstande, den Sieg des Faschismus zu verhindern, er fördert ihn vielmehr.


Die Führer der Sozialdemokratie vertuschten den wahren Klassencharakter des Faschismus und verschwiegen ihn vor den Massen und riefen nicht zum Kampf gegen die immer schärfer werdenden reaktionären Vorkehrungen der Bourgeoisie auf. Sie tragen die große historische Verantwortung dafür, daß im entscheidenden Zeitpunkt des faschistischen Vormarsches ein bedeutender Teil der werktätigen Massen Deutschlands und eine Reihe anderer faschistischer Länder im Faschismus nicht das blutgierige räuberische Finanzkapital, seinen schlimmsten Feind erkannte, und daß diese Massen nicht zum Widerstand bereit waren.

(...)

Der Faschismus handelt im Interesse der extremen Imperialisten, aber vor den Massen tritt er unter der Maske des Beschützers der gedemütigten Nation auf und appelliert an das verletzte Nationalgefühl, wie zum Beispiel der deutsche Faschismus, der mit der Losung "Gegen Versailles" die kleinbürgerlichen Massen mitriß.


Der Faschismus strebt die zügelloseste Ausbeutung der Massen an, tritt aber mit einer raffinierten antikapitalistischen Demagogie an sie heran, macht sich den tiefen Haß der Werktätigen gegen die räuberische Bourgeoisie zunutze und stellt Losungen auf, die im gegebenen Moment für die politisch unreifen Massen am verlockendsten sind.


Inhalt und Formen der Einheitsfront


Was ist und soll der Hauptinhalt der Einheitsfront in der gegebenen Etappe sein?


Die Verteidigung der unmittelbaren wirtschaftlichen und politischen Interessen der Arbeiterklasse, deren Verteidigung gegen den Faschismus muß der Ausgangspunkt und der Hauptinhalt der Einheitsfront in allen kapitalistischen Ländern sein.


Wir dürfen uns nicht auf bloße Aufrufe zum Kampf für die proletarische Diktatur beschränken, sondern müssen solche Lösungen aufstellen und Kampfformen finden, die sich aus Kampffähigkeit in der gegebenen Entwicklungsetappe ergeben.


Wir müssen den Massen zeigen, was sie heute tun müssen, um sich gegen die kapitalistische Ausplünderung und die faschistische Barbarei zu wehren.


Wir müssen uns dafür einsetzen, die breiteste Einheitsfront durch Einheitsaktionen der Arbeiterorganisationen der verschiedenen Richtungen zum Schutz der Lebensinteressen der werktätigen Massen zu bilden.


Das bedeutet erstens den gemeinsamen Kampf für die wirkliche Abwälzung der Folgen der Krise auf die Schultern der herrschenden Klassen, auf die Schultern der Kapitalisten, der Grundherren, mit einem Wort auf die Schultern der Reichen.


Das bedeutet zweitens den gemeinsamen Kampf gegen alle Formen des faschistischen Vormarsches, zur Verteidigung der Errungenschaften und der Rechte der Werktätigen, gegen die Aufhebung der bürgerlich-demokratischen Freiheiten.


Das bedeutet drittens den gemeinsamen Kampf gegen die nahe Gefahr eines imperialistischen Krieges, einen Kampf der die Vorbereitung dieses Krieges erschweren würde.

Wir müssen unermüdlich die Arbeiterklasse lehren, bei einer Veränderung der Verhältnisse rasch die Formen und Methoden des Kampfes zu wechseln. In dem Maße, wie die Bewegung wächst und die Einheit der Arbeiterklasse sich verstärkt, müssen wir weitergehen, den Übergang von der Verteidigung zum Angriff gegen das Kapital vorbereiten und auf die Organisierung des politischen Generalstreiks hinzusteuern. Dabei muß die unbedingte Voraussetzung eines solchen Streiks die Heranziehung der ausschlaggebenden Gewerkschaften des jeweiligen Landes sein.


Natürlich können und dürfen die Kommunisten keinen Augenblick auf ihre selbständige Tätigkeit verzichten, um die Massen kommunistisch aufzuklären, zu organisieren und zu mobilisieren. Um jedoch die Arbeiter auf den Weg zur Aktionseinheit zu führen, muß man gleichzeitig sowohl kurzfristige als auch langfristige Abkommen über Einheitsaktionen mit den sozialdemokratischen Parteien, den reformistischen Gewerkschaften und anderen Organisationen der Werktätigen gegen die Klassenfeinde des Proletariats anstreben. Die Hauptaufmerksamkeit ist dabei auf die Entfaltung von Massenaktionen in einzelnen Orten zu richten, die von den Grundorganisationen auf Grund von örtlichen Abkommen durchzuführen sind. Wir werden die Bedingungen aller mit ihnen abgeschlossenen Abkommen loyal einhalten, aber gleichzeitig jegliche Sabotage der gemeinsamen Aktionen durch Personen und Organisationen, die an der Einheitsfront beteiligt sind, rücksichtslos entlarven. Auf alle Versuche, die unternommen werden könnten, um die Abkommen zu sprengen, werden wir mit dem Aufruf an die Massen und der Fortsetzung des unermüdlichen Kampfes für die Wiederherstellung der verletzten Aktionseinheit antworten.

(...)


Für eine antifaschistische Volksfront


Bei der Mobilisierung der werktätigen Massen zum Kampf gegen den Faschismus ist die Schaffung einer breiten antifaschistischen Volksfront auf der Grundlage der proletarischen Einheitsfront eine besonders wichtige Aufgabe. Der Erfolg des gesamten Kampfes des Proletariats ist eng verbunden mit der Bildung des Kampfbündnisses des Proletariats mit den werktätigen Bauern und der Hauptmasse der städtischen Kleinbürger, die selbst in den industriell entwickelten Ländern die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen.


Der Faschismus, der diese Massen für sich gewinnen will, versucht in seiner Agitation, die werktätigen Massen in Stadt und Land gegen das revolutionäre Proletariat auszuspielen, den Kleinbürger mit dem Gespenst der "roten Gefahr" einzuschüchtern. Wir müssen den Spieß umdrehen und den werktätigen Bauern, den Handwerkern sowie der


fortschrittlichen Intelligenz zeigen, woher ihnen wirkliche Gefahr droht: Wir müssen ihnen konkret zeigen, wer dem Bauern die Last der Steuern und Abgaben aufbürdet, wer aus ihm Wucherzinsen herauspreßt, wer selber den besten Boden und alle Reichtümer besitzt, den Bauern und seine Familie aber von der Scholle vertreibt und sie der Arbeitslosigkeit und dem Elend ausliefert. Wir müssen konkret aufzeigen und beharrlich erklären, wer die Handwerker durch Steuern, Gebühren, hohe Mieten und eine für sie unerträgliche Konkurrenz ruiniert, wer die breiten Massen der werktätigen Intelligenz auf die Straße setzt und arbeitslos macht.


Aber das allein genügt nicht. Das Grundlegende, das Entscheidende für den Aufbau der antifaschistischen Volksfront ist die entschlossene Aktion des revolutionären Proletariats zur Verteidigung der Forderungen dieser Schichten und insbesondere der werktätigen Bauern, Forderungen, die mit den Grundinteressen des Proletariats verbunden sind und im Prozeß des Kampfes mit den Forderungen der Arbeiterklasse in Einklang zu bringen sind.


Für die Schaffung der antifaschistischen Volksfront ist es von großer Bedeutung, an jene Organisationen und Parteien, denen die werktätigen Bauern und die Hauptmassen des städtischen Kleinbürgertums in großer Zahl angehören, richtig heranzugehen.

(...)

Ihr seht also, daß wir auf der ganzen Linie aufhören müssen, die verschiedenen Organisationen und Parteien der Bauern, Handwerker und der Massen des städtischen Kleinbürgertums mit Geringschätzung zu behandeln und zu ignorieren, wie es bei uns nicht selten der Fall war.


Aus: "Der Aufschwung der faschistischen Konterrevolution"

von A. Thalheimer geschrieben: 1930 in "Gegen den Strom" Nr. 38


Wie steht es im Lager der Arbeiterklasse? Auch hier hat der Faschismus bereits einen tiefen Einbruch gemacht. Die Sozialdemokratie hat eine ernste, schwere Niederlage erlitten, trotzdem der stärkste organisatorische Apparat, der in Deutschland vorhanden ist, der Gewerkschaften, sich ungehemmt für sie einsetzte, trotzdem die Wahlarbeit der Sozialdemokratie alles bisherige übertraf, trotzdem die Sozialdemokratie alles tat, um die Aufmerksamkeit der Massen von den Früchten der zweijährigen Koalitionspolitik abzulenken, trotzdem sie in ihrer Massenagitation die rote Farbe in den Vordergrund stellte. Was die Sozialdemokratie schlug, waren nicht nur die bitteren Früchte der Koalitionspolitik der jüngsten Vergangenheit, sondern ebenso das Zusteuern auf neue Koalitionspolitik. Ein guter Teil der Gewerkschaftsmitglieder versagte den Gewerkschaftsführern die Gefolgschaft. Die Niederlage der Sozialdemokratie im Wahlkampf mißt sich nicht nur an den 10 verlorenen Mandaten, sondern noch mehr an den 2 Millionen Stimmen, die sie beim Halten ihrer Stellungen hätte hinzugewinnen müssen. Es ist schon so, wie das Hitlerblatt sagt: "Die alten Veteranen der Sozialdemokratie haben noch ihre alte Partei gewählt. Die Jugend ist, wie überall, weggeblieben".


Die Niederlage der Sozialdemokratie ist keine vorübergehende Schlappe, sie ist der Anfang vom Ende. Denn was die Sozialdemokratie noch gehalten hat, hat sie gehalten vermöge des organisatorischen und politischen Beharrungsvermögens ihres alten Anhangs, nicht vermöge eines aktiven Aufschwungs.


Der Reformismus ist aber dezimiert worden, nicht durch die Kräfte der Revolution, sondern durch die der Konterrevolution. Das ist der Grundzug der Lage. Der Zuwachs des Kommunismus bleibt weit hinter dem des Faschismus zurück. Im Kampf gegen den Reformismus hat der Faschismus den Kommunismus weit überflügelt. Der Wahlerfolg der Kommunistischen Partei bleibt nicht nur weit hinter dem des Faschismus zurück, er steht auch in keinem Verhältnis zu dem, was die objektive Lage ermöglicht hätte. Bei einer richtigen Politik der Kommunistischen Partei hätte der Kommunismus die Sozialdemokratie aufreiben müssen. Der Faschismus aber hätte überhaupt nicht auf die Beine kommen dürfen. Die Massenarbeitslosigkeit, die Not des Kleinbürgertums, die Agrarkrise, die sozialdemokratische Koalitionspolitik - wenn all das nicht den überwältigenden Aufstieg der Kommunistischen Partei brachte, sondern den des Faschismus, so müssen grundlegende Fehler der Politik der Kommunistischen Partei die Ursache sein.


Wenn aber sowohl die Führung der Sozialdemokratie wie der KPD ihre Anhänger über diese Sachlage hinwegzutäuschen versuchen, wobei die Führung der KPD sich ganz am unrechten Platz der so verpönten "Spontanitätstheorie" hingibt (daß nämlich die faschistische Welle "von selber" zurückfluten werde), so werden die Tatsachen selbst binnen kurzem diesen gedankenlosen und betrügerischen Optimismus Lügen strafen, gerade weil dieser selbstbetriebene Optimismus das Hindernis dafür bildet, daß der Faschismus durch die revolutionäre Aktion der Arbeiterklasse unter kommunistischer Führung zurückgeschlagen wird.


Auch ist es ein falscher und fauler Trost, daß die Massen, die jetzt der Faschismus aufgewühlt hat, keine bewußten Anhänger und Kämpfer für die faschistische Diktatur sind. Das ist auch gar nicht nötig für den Sieg der faschistischen Diktatur. Der Weg des Faschismus wie überhaupt der Konterrevolution zur Macht ist ein anderer, ja entgegengesetzter, wie der der proletarischen Revolution. Wenn es im Programm des Spartakusbundes richtig heißt, daß die Kommunistische Partei nur die Macht ergreifen wird, gestützt auf die bewußte Zustimmung der Mehrheit der Arbeiterklasse, so ist es umgekehrt beim Faschismus. Sein Weg zur Macht setzt nicht die Bewußtheit der großen Massen voraus, sondern gerade ihre Unbewußtheit, die Trübung und Verwirrung ihres Klassenbewußtseins, nicht ihre Aktivität, sondern ihre Passivität. Gestützt auf diese Passivität und Verwirrung der Massen, auf Grund ihres Gewährenlassens, kann eine aktive und bewußte konterrevolutionäre Minderheit zur Macht gelangen, und sie ist nie anders zur Macht gelangt. Diese Voraussetzungen für den Weg des Faschismus zur Macht sind aber bereits heute in weitem Maße geschaffen, sowohl die Verwirrung der Massen, wie die aktiven und bewußten organisierten Kader des Faschismus.


Weiter besteht der folgende grundlegende Unterschied zwischen dem Weg des Faschismus zur Macht und dem des Kommunismus. Der Faschismus kann die bürgerliche Staatsmaschine, so wie sie ist, erobern, besetzen und für seine Zwecke ausnützen.. Der Kommunismus und die Arbeiterklasse kann dies nicht, er kann sie zwar zersetzen, aber nicht besetzen. Er muß sie sprengen und er muß für seine Zwecke einen neuen proletarischen Staatsapparat aufbauen: die Räte.


Welches auch immer die nächsten konkreten Formen der Regierungsbildung sein mögen, so steht heute schon fest, daß von keiner "Rettung" oder "Gesundung" des Parlamentarismus und der bürgerlichen Demokratie die Rede ist, sondern daß es sich um weitere Etappen und Vorbereitungen in der Richtung der faschistischen Diktatur handelt, daß das Tempo dieser Entwicklung durch den Wahlausfall weiter beschleunigt ist, daß das Bürgertum keine Gegenkräfte gegen den Faschismus aufbringt, sondern nur solche Kräfte, die bewußt oder unbewußt, gewollt oder nicht gewollt in dieser Richtung wirken.


Ob diese Entwicklung weiter geht oder zurückgeschlagen wird, das hängt jetzt ausschließlich ab von der Arbeiterklasse. Und zwar in erster Linie davon, ob der Gedanke der kommunistischen Opposition der Arbeiterklasse zu außerparlamentarischen Massenaktionen gegen Faschismus und Kapitalangriff in einer Einheitsfront auf Grund eines Programms der dringendsten Tagesforderungen in Verbindung mit konkreter revolutionärer Propaganda zu vereinigen - ob dieser Gedanke sich durchsetzt gegen den ultralinken Kurs und die Blindheit und Unfähigkeit des kommunistischen Parteiapparates wie gegen den blanken Klassenverrat und die kampflose Preisgabe der demokratischen Rechte der Arbeiter durch den sozialdemokratischen Partei- und Gewerkschaftsapparat.




Home