Verdammte Don Quichottes dieser Erde vereinigt Euch, der Wind wird zum Sturm


Ein kleiner Junge, ein Exemplar der Sorte, die sich den aktuellen Lebensstil ausgesucht hat, mit zerschnittenen Jeans, Turnschuhe Marke nicht zugeschnürt, T-Shirt Powerrangers und einer legeren Jacke, was weiß ich welche Marke, friert ein bißchen neben der holländischen Windmühle, wartet wahrscheinlich auf seine Freunde, mit denen er sich auf einen nahe gelegenen Abenteuerspielplatz begeben wird.

Die Sonne neigt sich gen Abend, rostrote Strahlen können gerade noch die schweigsame Erde etwas erwärmen. Der Wind gibt sich Mühe, langsam aber sicher zum Sturm zu werden, die Windmühle, die nur noch Attraktionscharakter hat, dreht sich im Rhythmus des stärker werdenden nahrhaften Luftzugs immer schneller Richtung nirgendwo. Ein Wiehern hört man vom weitem …

Hunde bellen aus dem entfernten Bauernhof, die Kühe sammeln sich allmählich an der Melkplattform. Der Bauer eilt mit seiner Frau Richtung Plattform. Es gibt viel zu tun, sagt er mit rauher Stimme und spricht weiter in Richtung seines ergrauten Barts. Seine Frau hört ihn nicht. Sie ist versunken in Gedanken, hält zwei große Milchbehälter in den Händen, die sie gerade noch mit Mühe schleppen kann. Die Hühner trippeln freudlos hinter ihr her. Idyllisch könnte man meinen, Friede, Freude, Eierkuchen. Oder doch nicht.


Ein Schreiberling hinter seiner Schreibmaschine klimpert heftig auf ein Blatt Papier, sicher und mit bemerkenswertem Elan. Sein Schreibtisch ist überhäuft mit vollen Dossiers, Büchern, Schnellheftern und allerlei buntem Papier, ein süßes Chaos sondergleichen durchzieht nicht nur seine Gedanken. Je länger das geschriebene Blatt wird, umso mehr löst sich das Chaos in seinen Gedanken. Etwas wird zu etwas. Das ist klar. Aber was . . .

Nicht alltäglich ist der sich zum Sturm steigernde Wind in dieser Gegend, häufiger regnet es schon, aber zur Zeit ist es eigentlich eher trocken. Der Boden hat sich in durcheinander verlaufende Spalten zersplittert, dürstet zusehends nach Wasser. Die letzten Grashalme haben ihre Hälse gen Himmel gedreht und bitten um Feuchtigkeit. So wie ein nicht erhörtes Gebet, das alle Hoffnungen in der Leere verschallen läßt, so hört man auch das Knattern des Schreiberlings auf seinem Daktylo.


Etwas muß anders werden, sich verändern, die Luft ist schwanger und schwer wie ein Blei. Die Kraft, die dieses Bleierne in der Luft zu bewegen vermag, scheint unter den Fingern über der Tastatur zu stecken. Nun, es ist noch nicht entschieden, in welche Richtung es bewegt werden soll, dieses Bleierne in seinen Gedanken, auch in der Luft. Etwas muß sich verändern.

Plötzlich erscheint aus der Ferne ein Krieger, einen Trichter auf dem Kopf, dunkle Jacke, groß gewachsen, ein riesiges Schwert in der Hand, sitzt aufrecht auf seinem Maultier, sein Gesicht sehr entschlossen, hat ein bestimmtes Ziel, geht gerade auf die Windmühle zu. In diesem Augenblick hört man von weitem ein Stöhnen des Bauern, die ersten Milchstrahlen füllen die Behälter, der Schreiberling tackert seine letzte Zeile, der Freund des Abenteuererjünglings erscheint am Horizont, die Frau des Bauern hält einige Eier in ihrer Hand. Der Ritter holt aus und das Schwert zeichnet ein Z in die Luft. Die Sonne erscheint zum letzten Mal hinter der grauen Wolke. Die Luft wird nun ersichtlich leichter, bringt den Duft einer Sonnenblume. Ein Käfer traut sich aus seinem Versteck. Sogar eine Horde von Ameisen wagt sich hervor. Hoffnung liegt nun in der Luft. Das Herz des Schreiberlings schlägt laut. Etwas tut sich. Veränderung liegt in der Luft. Es wird still. Frieden wird es geben. Bald, sehr bald. Die Sonne verliert sich in der Dunkelheit, aber ein Bündel Licht kommt aus der Finsternis. Etwas Ermutigendes, Hoffnungtragendes, Schriftbewußtes, Leicht-Begreifliches, etwas Phantastisches, doch Begreifliches findet seinen Weg im leicht gewordenen Luftzug Richtung Mühle, Richtung Jünglinge, Richtung Sonnenblume, Hand in Hand mit den Ameisen, und Hoffnung erfüllt das Leere zusehends.

Ali San (27.11.2005)



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