Der neue Papst, die europäische Verfassung, die Wertediskussion und mehr


Der Papst ist tot, es lebe der neue Papst. Wie aus dem „Habemus papam“ „Wir sind der Papst“ geworden ist, wie Millionen von Menschen dank parallel geschalteter Medien am Sterben eines Greises teilnahmen, der für sich in Anspruch nahm, Gottes Vertreter auf Erden zu sein, und der bis zum bitteren Ende seinen Glaubensbrüdern und -schwestern zeigte, wie wichtig es sei, an seinem Glauben festzuhalten, bzw. seinen missionarischen Ehrgeiz bis zum letzten Atemzug aufrecht zu erhalten und dies seinen Glaubensbrüdern mit Hilfe einer professionell inszenierten Medienwelt über die halbe Erdkugel zu verkünden: all dies ist, ehrlich gesagt, eine gelungene Propagandaorgie des 1,3 Milliarden Anhänger zählenden Großunternehmens namens Vatikan. Diese dramatische Entwicklung in Form eines gut durchdachten und mit großen Enthusiasmus ausgestrahlten Medienereignisses landete durch den Äther in einer bis dahin nie dagewesenen Weise in den Wohnzimmern einer nicht zu verachtenden Anzahl der Weltbevölkerung.


Nicht nur dadurch, aber auch gerade mit solch einer bis dato nicht existenten Art und Weise verspricht sich die katholische Kirche, den stagnierenden Zahlen der Kirchgänger in den letzten Jahrzehnten entgegenzuwirken, und vor allem aus der Menge von besonders jungen Menschen, die zweifelsohne in eine Epoche von Ideologielosigkeit und Desorientierung, in eine Phase von Umbrüchen und chaotischen Entwicklungen hineingeboren wurden, Profit zu schlagen mit Phrasen wie „Geschlossenheit im Zeitalter von Globalisierung, Ökumene der ganzen christlichen Welt auf dem ganzen Planeten, respektvolle Brüderlichkeit mit anderen Religionen, aber dennoch dem wahren Katholizismus treu bleibend, den Glauben zu leben“.


All dies entlarvt die erfolgversprechende Methodik eines feinst ausgeklügelten Systems mit dem die schwarzen Roben aus der wertelosen, verfallenden, dekadenten Gesellschaft Menschen anwerben, um die Reihen ihrer gehorsamen Glaubensbrüder dichter zu füllen, und, wohlgemerkt in einer Zeit der islamistischen Bedrohung, die Macht der Kirche zu stärken.


Auch wenn dies für einige wie eine Komplottheorie erscheint, sind die Zusammenhänge der Entwicklungen der letzten Jahrzehnte auf der Bühne der großen gesellschaftlichen Umwälzungen keineswegs einer schlechten Phantasie entsprungener Unfug. Im Gegenteil! Es gilt, einen historischen Diskurs zu führen und die gesellschaftspolitischen Entwicklungen, insbesondere im kontinentalen Europa unter Einbeziehung auch der Funktionalität der katholischen Kirche, zu analysieren. Nicht nur auf die Rolle der katholischen Kirche während des zweiten Weltkriegs, der Inquisition davor ausgenommen, gilt es ein Augenmerk zu haben, sondern auch darauf, welche konterrevolutionäre Rolle der verstorbene Papst Wojtila bei der Beseitigung des kommunistischen Systems übernommen und mit welchen Mächten und Finanzoligarchen er zusammengearbeitet hat. Von Abteibungsgegnerschaft, vom Verbot der Empfängnisverhütung und seinen Folgen einer Überbevölkerung in den Ländern, die von Armut, Aidsplage, Hunger und Krankheit getroffen sind, und von der Rolle der katholischen Kirche, die nur den wahren Glauben leben wollte, wollen wir nun nicht reden.


Der vielgereiste Greis mit millionenfachen Jubelfanatikern hat es fertiggebracht, auf allen Kontinenten der Erde immer wieder seinem Glauben treu zu bleiben, und er missionierte die Menschen mit Parolen wie „Habt keine Angst, macht das Tor auf, geht hinaus und lebt den Glauben“, koste es, was es wolle sozusagen. Ob die Gläubigen in ihrem Glauben Trost fanden, bei millionenfacher Armut, Elend, Tod, bleibt dahingestellt. Der Superstar jedoch blieb er bis zuletzt auf dem Petersplatz im Vatikan.


Wenn man etwas formal bleiben wollte, könnte man die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in einem linearen Gebilde wie folgt darstellen, ohne dabei direkt einen Schuldigen zu suchen.


Finanzielle und moralische Unterstützung der Solidarnozs-Bewegung in Polen, im weiteren Verlauf Zerschlagung des Warschauer Paktes, Nachahmer in Ungarn, der Tschechoslowakei, der DDR und schließlich die Konterrevolution in der Sowjetunion, was als Ende des „Kalten Krieges“ gefeiert wurde. Wie wahr, nun haben wir den heißen Krieg und nicht nur in der Zone, sondern weltweit. Daß dadurch dem Kapitalismus und den Finanzoligarchien der Welt Toren ungeahnten Ausmaßes geöffnet wurden, daß im frei gewordenen sogenannten idologieleeren Raum neue Pseudoideologien wie Globalisierung, Kreuzrittertum, Freie Marktwirtschaft u. v. m. sich ihre Nahrung aus dem Vollen schöpften, wunderte niemanden; denn die Oligarchen hatten eine schützende Hand über ihren Köpfen: die Wächter des Glaubens. Sie mischten mächtig mit, wußten, wann sie Partei ergreifen und wann sie schweigen mußten, und dies im Namen des Glaubens. Gottes Wille geschah, und sie als seine Vertreter auf Erden hatten bedeutende Rollen bei der Gestaltung der sogenannten „Neuen Weltordnung“.


Was nicht alles unter der schützenden Hand des Glaubens geschah, wie viel Wasser die Bäche hinunterlief, welche Begriffe unsere jüngste Vergangenheit, unseren Alltag prägten, zählen wir auf: Erweiterung der „Europäischen Union“ Richtung Osten und Süden, Neubestimmung der Wirkungskreise imperialistischer und neokolonialer Mächte im früheren Gebiet der sozialistischen Welt, aber auch im nahen und fernen Osten, Öffnung der Grenzen für den Kapitalverkehr, uneingeschränkte Einflußnahme der Finanzoligarchien bei der Umverteilung und Ausbeutung unter- und oberirdischer Naturgüter. Ein Raubkapitalismus ohne Skrupel, ohne Grenzen und immer unter dem Schutzmantel des Glaubens. Egal wie man es nennt: Ausbeutung, Neokolonialismus, Globalisierung, auf jeden Fall Imperialismus ohne „Law and Order“. Schwarze Roben machten den Weg frei für schwarze Raben.


Will man die Blutgruppe des Imperialismus ergründen, oder seine Zellstruktur erforschen, ob europäischen oder US-amerikanischen Ursprungs, die schwarzen Roben sind die einzigen Schuldigen an millionenfachem Elend, Armut, Tod, und verantwortlich für die Dekadenz der gesellschaftlichen Umwälzungen. Das sogenannte Ende der Ideologien, der Werteverfall, die nihilistischen Einstellungen junger Generationen sind die Folge von Glaubenskriegern, die sich auf den Weg gemacht hatten, das Böse auszumerzen. Dies war für sie ohne Zweifel der Kommunismus. Aus den Trümmern einer nach Sozialismus strebenden Welt ernähren sich nun sowohl der US-Imperialismus und seine Oligarchen, als auch der EU-Imperialismus, unter dem schützenden Deckmantel, ach so neuen globalisierten, freifressenden Raubbaus an Mensch und Natur.


Während in nächster Zukunft darüber entschieden wird, ob die Völker Europas auf der Suche nach den verlorengegegangenen Werten die europäische Verfassung gutheißen werden oder nicht, gemessen wird diese ganz bestimmt nicht an ihrem inhaltslosen Humanismus. Vielmehr geht es darum, im imperialen Machtkampf zwischen EU und USA eine sogenannte Geschlossenheit zu zelebrieren, wovon ja auch der neue deutsche Papst sprach; denn es geht doch um die moralische und ethische Untermauerung materiell ausbeuterischen Handelns im Namen aller, die dabei sind; sprich, wer mit uns in den Kreuzzug zieht, ist mit uns. Die neue Geschlossenheit in der neuen globalisierten Welt, wovon der neue Papst spricht, ist auch im Sinne der Wertefindung nichts anderes als im wahrsten Sinn des Wortes Findung des Werts. Dabei bleibt es nicht bei Konventen und Verfassungen, in deren Inhalten jedoch erstaunlicherweise oder gerade deshalb nicht viel vom christlichen Glauben enthalten ist, sondern mit Gottes Segen sehr viel Ummantelung für die zukünftigen Abenteuer im Verteilungskampf und bei der Ausbeutung von Mensch und Natur sowie der ganzen abendländischen Kultur.


Der seinem Vorgänger und seiner Linie treue neue Papst wird in seinen zukünftigen Predigten und Segnungen wahrscheinlich noch euphorischer applaudiert und bejubelt werden, wenn er all denen den Weg ebnet, die den Wert finden, aber auch diesen, ohne brüderlich zu teilen, mit gutem Gewissen allein vertilgen werden.

Ali San, 25.4.2005



Home